Wo bleibt die biologische Vielfalt?

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Unser Gastautor und Bienenexperte Wolfgang Voigt hat sich in seinem aktuellen Beitrag dem Thema biologische Vielfalt angenommen. Wie sieht sie aus? Welche Gefahren drohen ihr und welche Rolle spielen die Insekten?

Die Landwirtschaft ist der Hauptfaktor in Bezug auf den Verlust der biologischen Vielfalt. Dieser Auffassung ist Tom Kirschey vom Naturschutzbund Deutschland e. V., und ich stimme ihm zu. Pestizide, Düngung, Eingriffe in den Landschaftswasserhaushalt, Bodenbearbeitung und Homogenisierung sowie der Verlust von Strukturelementen stellen hierbei die größten Gefährdungspunkte dar, so stellte der NABU Brandenburg bereits im Jahr 1999 fest.

„… Jedoch sind über 80 Sippen, die als unmittelbar durch Landwirtschaft ausgerottet  oder als verschollen gelten, in den Roten Listen registriert …“ , so Tom Kirschey (Auszug aus seinem Beitrag „Konfliktfeld Landwirtschaft und biologische Vielfalt“ in der Publikation von Bündnis 90/Die Grünen „Umbrüche auf märkischem Sand … „, oekom verlag, 1. Auflage 2011. Bezüglich der Vogelarten muss sich der Naturschutz inzwischen nicht nur um die „alten Bekannten“ in den Roten Liste sorgen, sondern sogar um „Allerweltsarten“, wie die der Feldlerche, deren Bestand sich in Brandenburg seit 1990 fast halbierte. Das Argument vieler Naturschützer, Landwirte würden durch die Rahmenbedingungen geknebelt und könnten ihre Entscheidungen nicht frei fällen, ist nicht korrekt. Niemand zwingt Landwirte, riesige ausgeräumte Ackerschläge aufrechtzuerhalten, diese oder jene Bewirtschaftungsmaßnahme durchzuführen oder gentechnisch veränderte Organismen anzubauen. Solche Entscheidungen liegen in ihrer individuellen Verantwortung. Auch muss diese Aussage nicht im Widerspruch zu der wichtigen Rolle der Landwirte als Produzenten stehen. Ihre Aufgabe ist es nach wie vor, Nahrungsmittel, Futterpflanzen und Rohstoffe in hoher Qualität und Quantität zu erzeugen und dabei ein günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis zu wahren.

Der ökologische Landbau verzichtet auf synthetische Düngemittel und Pestizide

Es wird oft vernachlässigt, dass eine bedarfsgerechte Düngung niemals erreicht werden kann, und dass kein Gift ausschließlich den Zielorganismus trifft. Geradezu pervers ist aber eine Entwicklung im Rübenanbau. Da die chemische „Begleitwuchsregulierung“ immer besser gelingt, fehlt Regenwürmern die Nahrung, sprich das Unkraut, weshalb sie selbst zu Rübenschädlingen werden. Aber auch dagegen gibt es selbstverständlich ein chemisches Mittel. Wie weit ist es mit unserer „modernen“ Landwirtschaft gekommen, dass wir nun schon damit beginnen, Regenwürmer gezielt zu bekämpfen? (Siehe auch mein Blogbeitrag in München querbeet: „Pflanzenschutz – liegen wir richtig?“) Die Chemisierung der Landwirtschaft muss auch jenseits von Lebensmittelskandalen immer wieder thematisiert werden. Hinsichtlich der Pestizide ist der ökologische Landbau dabei eine echte Alternative!

Die Landwirtschaft wurde – auch global – zur Hauptursache für das Artensterben

In mancher Schutzgebietsordnung ist es ausdrücklich verboten, Arten – etwa durch Fotografieren – zu beunruhigen. Im gleichen Schutzgebiet darf der Landwirt hingegen Individuen der gleichen Art tausendfach töten, wenn es im Rahmen bzw. im Interesse der landwirtschaftlichen Nutzung geschieht. „In Naturschutzgebieten jedoch muss der Schutz der Natur Vorrang vor Nutzungsinteressen haben!“ (Zitat Tom Kirschey)

Ameisen, Bienen und auch Pflanzensauger (Blattläuse) sind Bestandteil der biologische Vielfalt

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal, was den ökologischen Landbau auszeichnet. Es ist der Verzicht auf synthetische Düngemittel und Pestizide. Eine derartige Entscheidung, die jedem Landwirt selbst obliegt, macht die Agrarflächen, die offene Landschaft, aber auch den Wald und die Schutzgebiete zum idealen Lebensort für alle in dem jeweiligen Gebiet heimischen Lebewesen der Flora und Fauna. Es wurde ein Konzept erarbeitet, wie die Lebensbedingungen für Hügel bauende Ameisen, Honigbienen und Blattläuse flächendeckend auf dem gesamten Territorium des Landes gewährleistet werden können. Ausführlich begründet wurde hierbei, warum neben Alleen und Windschutzstreifen den ökologischen Riegeln, die der Förderung der Hügel bauenden Ameisenarten – den Beschützern von land- und forstwirtschaftlichen Kulturen – dienen, eine solch hohe Bedeutung zukommt. Warum ein flächendeckender Besatz des gesamten Territoriums mit Honigbienen – vor allem als Blütenbestäuber und als Biomasse (nach ihrem Tod) – ein entscheidender Weg sein kann, ihr Eiweiß-Nahrungspotential von ca. 15,6 kg pro Volk und Jahr während der Vegetationsperiode dauerhaft zu nutzen, wurde ebenfalls nachgewiesen.

Der landesweite Nutzen der Honigbiene durch aktive Blütenbestäubung steht außer Frage. Und auch wenn ihre Rolle als Eiweißnahrung passiv ist, sind sie doch der ideale Nahrungsspender für Ameisen und Insekten fressende Lebewesen. Die Ameisen wiederum leisten wegen ihrer Ernährungsweise einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung eines stabilen Gleichgewichtes zwischen den Arten. Die Pflanzensauger (Blattläuse) – als dritte Art im Bunde – dienen den beiden vorgenannten und vielen anderen vor allem durch zuckerhaltige Ausscheidungen, die sie nicht verdauen können, als Energiespender.

Nahrung ist das entscheidende Regulativ für den Erhalt der jeweiligen Art

Der Verzicht auf synthetische Düngemittel und Pestizide und das Zergliedern der großen Agrarschläge im Interesse der grundlegenden Verbesserung der Lebensbedingungen für die Hügel bauenden Waldameisen – der „Polizei des Waldes“, wie sie früher bezeichnet wurden – sowie die Sicherung der Lebensbedingungen für Honigbienen und Pflanzensauger sind die entscheidenden Lösungswege zur Gesundung der natürlichen Umwelt!

Zur Erläuterung: Neben Termiten – die in anderen Klimazonen beheimatet sind –, Wespen und Hummeln gehören die Honigbienen und die Hügel bauenden Waldameisen zu den Arten mit der größten Anzahl an Individuen pro Volk. Blattläuse sind der bedeutendste Faktor für die Energieversorgung der Ameisen. Wenn ihre zuckerhaltigen Ausscheidungen bei einem Überangebot von den Ameisen nicht mehr vollständig aufgenommen werden können, kommt die Honigbiene ins Spiel und gewinnt – nach der Bearbeitung im Bienenvolk – von diesen Ausscheidungen den beliebten würzigen Wald- oder Blatthonig.

Literatur:

– Bündnis 90/Die Grünen (Hrsg.), Umbrüche auf märkischem Sand: Brandenburgs Landwirtschaft im Wandel der Zeit – Entwicklungen, Risiken, Perspektiven, oekom verlag, 1. Auflage 2011, ISBN 978-3- 86581-263-6

– Tom Kirschey, Konfliktfeld Landwirtschaft und biologische Vielfalt, Beitrag in der Publikation von Bündnis 90/Die Grünen (Hrsg.), Umbrüche auf märkischem Sand: Brandenburgs Landwirtschaft im Wandel der Zeit – Entwicklungen, Risiken, Perspektiven, oekom verlag, 1. Auflage 2011, ISBN 978-3- 86581-263-6, Seiten 96-103

­- Wolfgang Voigt, Die Bedeutung der Honigbiene für den Erhalt biologischer Vielfalt, Beitrag in der Publikation von Bündnis 90/Die Grünen (Hrsg.), Umbrüche auf märkischem Sand: Brandenburgs Landwirtschaft im Wandel der Zeit – Entwicklungen, Risiken, Perspektiven, oekom verlag, 1. Auflage 2011, ISBN 978-3- 86581-263-6, Seiten 127-135

– Wolfgang Voigt, Das gemeinsame Wirken von Honigbienen, Waldameisen und Blattläusen als Nutzer vielfältiger Blütenpflanzen, (im FB Biologie, Chemie, Pharmazie der Freien Universität Berlin eingereichte Dissertation – noch unveröffentlicht)

– Wolfgang Voigt, Kommt der graue Frühling? Dem Bienensterben entgegenwirken – Jeder kann etwas tun!, Frieling-Verlag Berlin, 1. Auflage 2013, ISBN 978- 3-8280-3136-4

(Text: Wolfgang Voigt)

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