Schäfer zwischen Moderne und Tradition

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Schäfer sind heutzutage in unserem Land selten geworden. Der Beruf „Schafhalter“ mutet wie aus einer anderen Zeit an. Doch es gibt sie noch vereinzelt. Wie leben sie zwischen Moderne und Tradition? Was hat sich in der Welt der Schäfer im 21. Jahrhundert verändert? Hat der Beruf eine Zukunft? Sofia Delgado und Birgit Kuhn, die Gründerinnen von muenchen-querbeet.de, sprachen mit dem Schafhalter Sven de Vries

M-Q: Wie und wann bist du zur Schäferei gekommen?

Sven de Vries: 2006 bin ich zum ersten mal mit Schafen in Berührung gekommen. Meine damalige Freundin hatte gerade ein freiwilliges ökologisches Jahr auf einem Milchschafbetrieb begonnen und weil ich nicht so genau wusste wie es mit mir weitergeht, bin ich für ein paar Monate geblieben. Im Anschluss habe ich ein Praktikum auf einem anderen Milchschafbetrieb gemacht und dort ist auch der Wunsch entstanden, den Beruf von Grund auf zu lernen. 2008 habe ich dann eine Berufsausbildung als Tierwirt – Schäferei begonnen.

M-Q: Wie groß ist deine Herde und worin besteht deine hauptsächliche Arbeit als Schäfer?

Sven de Vries: Wir betreuen zur Zeit 650 Mutterschafe. Je nach Jahreszeit bin ich mit einer Herde auf Wanderschaft oder im Stall und unterstütze die Mütter bei der Ablammung. Meine Aufgaben sind dabei sehr unterschiedlich. Im Großen und Ganzen geht es darum, meine Mädels und die Lämmer gesund und glücklich zu halten.

M-Q: Wie sieht dein Alltag als Schäfer aus? Bist du den ganzen Tag draußen bei deinen Tieren?

Sven de Vries: Auch das ist sehr unterschiedlich, die Schäferei ist ein sehr abwechslungsreicher Beruf. Im Augenblick bin ich morgens um halb sechs oder sechs im Stall und versorge die Lämmer, die über Nacht geboren sind. Im Anschluss fahre ich mit meinen Hunden zum Hüten. Abends bin ich noch kurz im Stall und helfe den Kollegen, wenn noch nicht alles gerichtet ist. Um acht, halb neun bin ich dann Zuhause, esse kurz zu Abend und falle dann ins Bett.

M-Q: Hast du einen festen Platz mit deinen Tieren oder gehst du auch auf Wanderschaft?

Sven de Vries: Eigentlich sind wir das ganze Jahr unterwegs. Im Sommer hüten wir unsere Herde auf der schwäbischen Alb und betreiben dort Landschaftspflege. Im Herbst und Winter ziehen wir mit der Herde durch Oberschwaben und beweiden fremde Flächen, auf denen noch etwas Gras übrig geblieben ist.

M-Q: Kannst du von deinem Beruf als Schäfer leben? Verkaufst du deine Tiere oder Produkte von Ihnen?

Foto: Sven de Vries

Schäfer Sven de Vries bei seinen Tieren ©Foto: Inga Paula Hölzel

Sven de Vries: Zur Zeit bin ich angestellter Schäfer. Leben kann ich davon, weil meine Ansprüche sehr gering sind und ich kaum dazu komme etwas auszugeben. Eine Familie könnte ich davon aber nicht ernähren. Neben der Landwirtschaft lebt die Schäferei vom Lammfleischverkauf. In unserem speziellen Fall lassen wir auch die Wolle verarbeiten und verkaufen Woll- und Fellprodukte von uns und anderen Schäfereien.

M-Q: Ist es nicht „exotisch“, heutzutage ein Schäfer zu sein? Mit welchen Problemen wird deine Berufsgruppe in unserer heutigen Gesellschaft  konfrontiert?

Sven de Vries: Exotisch ist der Beruf nicht. Wir sind nur etwas aus dem Blickfeld gerückt. Viele kennen Gebiete wie die Lüneburger Heide, die schwäbische Alb oder die Rhön. Das diese Gebiete noch bestehen und man dort viele selten gewordenen Tiere und Pflanzen finden kann, ist vor allem auch uns Schäfern zu verdanken. Wenn auch nicht so stark wie in anderen Bereichen der Nutztierhaltung spüren wir ganz deutlich, dass die Menschen sich von ihrer Landwirtschaft entfernen. Kaum einer hat eine Vorstellung davon, wie viel Arbeit, Entbehrungen und Liebe zum Tier in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung notwendig sind. Stattdessen lese ich beinahe täglich davon, dass es sich bei unseren Bauern um geldgierige Tierquäler handelt. Das ist sehr verletzend und den Menschen ist offenbar nicht klar, dass die meisten Bauern Tag und Nacht auf den Beinen sind, um das Beste aus den Bedingungen zu machen, die ihnen der starke wirtschaftliche Druck aufzwingt. Die Haltungsformen ließen sich leicht verbessern und die Bauern wären wohl auch sofort dazu bereit, nur müssten die Konsumenten auch bereit sein dafür zu bezahlen. Neue und schärfere Gesetze zum Tierschutz allein führen nur dazu, dass wir irgendwann keine Tierhaltung mehr in Deutschland haben werden und damit ist dem Tierwohl auch nicht gedient.

Die Arbeit als Schäfer ist verantwortungsvoll und gibt ein Gefühl von Unabhängigkeit

M-Q: Stichwort moderne Tierhaltung: Wie geht es deiner Meinung nach der deutschen Landwirtschaft?

Sven de Vries: Schlecht. Die Bauern müssen seit vielen Jahren um ihr Überleben kämpfen. Ein paar Jahre mag das gehen, auf Dauer werden viele aber aufgeben müssen. Uns Jüngeren sagt man, wir müssten uns weitere Standbeine suchen. Ich möchte aber keinen Städtern die Betten machen oder als Energiewirt Strom produzieren, sondern für meine Schafe da sein, wenn die mich brauchen. Die Schäferei kann nur überleben, weil wir unser ganzes Leben darauf ausrichten. Wenn sich nichts ändert, sehe ich aber schwarz für unsere Zukunft. Damit ginge mir nicht nur meine Berufung, sondern uns allen ein Jahrtausende alter Beruf und artenreiche Kulturlandschaften, wie die schwäbische Alb oder die Lüneburger Heide, verloren.

M-Q: Wie hilfreich ist das Internet in deinem traditionellen Beruf als Schäfer?

Foto: Sven de Vries

Schäfer Sven de Vries mit einem seiner drei Hunde ©Foto: Inga Paula Hölzel

Sven de Vries: Ach, eigentlich nicht sonderlich. Ich habe meine Karten zur Orientierung halt nicht mehr auf Papier, sondern ziehe das Smartphone aus der Tasche. Einen Pferchplatz wähle ich nun auch nach den aktuellsten Wetterprognosen aus und wenn ich als noch recht unerfahrener Schäfer mal ein Problem mit einem Tier habe, kann ich mich mit erfahreneren Schäfern auf Facebook austauschen. Im Grunde bin ich da draußen aber auf mich allein gestellt. Mir hilft das vor allem privat. Meine Familie sehe ich sehr selten und auch zu Freunden kann ich nur schwer Kontakt halten. Videotelefonie, E-Mail, Messaging und Twitter ermöglichen mir, meinen kleinen Bruder ab und zu zu sehen und auch neue Leute kennen zu lernen. Ich bin mit dem Internet groß geworden und habe Ende der Neunziger sogar kurz im IT-Bereich gearbeitet.

Heute ist das ein Hobby für mich und ich versuche das ein bisschen mit meinem Beruf zu verbinden. Wenn ich mit der Herde auf Wanderschaft bin, kommen mich oft Hobby-Schafhalter besuchen und löchern mich mit Fragen. Für diese Leute werde ich gemeinsam mit einer Freundin unter http://www.derschafhalter.de einen Newsletter mit Informationen und Terminen für Schafhalter rausgeben. Wenn ich das schaffe, gehen wir alsbald mit der ersten Ausgabe an den Start. Außerdem habe ich einen Online-Stellenmarkt für Schäfer ins Leben gerufen, bei dem man auch nach Praktika in Schäfereien suchen kann.

Ich selbst bin auch gerade auf der Suche nach jemanden,  der mich praktikumsmäßig im Sommer unterstützt. Bei Interesse einfach hier melden http://www.stellenmarkt-schafe.de/stellenangebot/praktikum-beim-schaefer/

Ich spiele schon lange mit dem Gedanken von meinem Beruf zu bloggen. Für mich ist das Ganze ein willkommener Ausgleich zu der vielen Arbeit an der frischen Luft.

M-Q: Wie sieht es mit dem Nachwuchs bei den Schäfern aus? Gibt es genügend Interessenten oder ist der Beruf Schäfer mangels Nachfrage vom Aussterben bedroht?

Sven de Vries: Schon ein wenig. Die schlechte Bezahlung und die viele Arbeit macht den Beruf nicht gerade attraktiv. Vor allem gute Leute, denen sonst alle Möglichkeiten offen stehen, sind schwer zu finden. Andersherum sehnen sich viele nach einer Alternative für ihr Leben und unser Beruf erfüllt zumindest teilweise auch die Erwartungen, die viele damit verbinden. Außerdem sind Schafe wie harte Drogen. Man wird schnell abhängig, braucht immer mehr und kommt nie wieder richtig davon los *lacht*.

M-Q: Was macht für dich dein Beruf Schäfer lebenswert?

Sven de Vries: Vor allem der enge Kontakt zu den Schafen, die mich mit ihrer liebevollen und fürsorglichen Art immer wieder aufs Neue zu rühren wissen. Die Verantwortung und ein Gefühl von Unabhängigkeit. Außerdem weiß ich, wofür ich mir den „Arsch aufreiße“ und was ich getan habe, wenn ich Abends ins Bett falle. Ich bin einfach glücklich in einem Beruf, der mich auszufüllen vermag. Was kann ich denn mehr erwarten für den Augenblick?

Vielen Dank für das Interview!

Kontakt:
@schafzwitscher bei Twitter (https://twitter.com/schafzwitschern)
sven@derSchafhalter.de

©Foto oben: Inga Paula Hölzel

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