Samenfeste Sorten sichern Kulturpflanzen-Vielfalt

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Seit mehr als 25 Jahren sichert der VEN – Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt – traditionelle Kulturpflanzensorten und bietet Freizeitgärtnern samenfestes Saatgut verschiedenster alter Nutzpflanzen für den privaten Anbau. Wir haben die Samengärtnerin und Naturpädagogin Annette Holländer von der VEN Regionalgruppe München interviewt. Anlässlich des Saatgutfestivals im ÖBZ am 22.02.2015 erklärt sie Wissenswertes rund um samenfeste Sorten und warum es sich lohnt, diese Sorten anzubauen.

M-Q: Was genau ist samenfestes Saatgut bzw. sind samenfeste Sorten?

Annette Holländer: Samenfeste Gemüsesorten werden über Jahre auf bestimmte Eigenschaften durch Kreuzung und Selektion gezüchtet. Diese Eigenschaften können Farbe, Geschmack, Ertrag, Form, Resistenzen, etc. sein. Vermehrt man diese Sorten über ihr Saatgut, erhält man in den nächsten Generationen Pflanzen mit denselben Eigenschaften – dies nennt man samenfest und nachbaufähig. Bevor die moderne Hybridzüchtung an Bedeutung gewann, war dies der Weg, um neue Sorten zu züchten und weiter zu entwickeln.

M-Q: Hybridsorten, wie sie im Garten-Fachhandel in Tütchen, auf Samenbändern und Saatteppichen angeboten werden, sind sehr viel ertragreicher als alten samenfeste Sorten. Welche Vorteile haben samenfeste Sorten?

Obst aus Hybridsaaten

Obst aus Hybridsaaten (Foto: Birgit Kuhn)

Annette Holländer:  Es ist richtig, dass moderne Hybridsorten Hochleistungspflanzen mit einheitlichen Eigenschaften und hohem Ertrag sind. Dabei sollte man jedoch wissen, dass diese Hochleistungssorten durch Kreuzung von in der Natur nicht vorkommenden Inzuchtlinien gezüchtet werden und die genannten Eigenschaften nur in der ersten Generation – der F1 – aufweisen. Vermehrt man dieses Saatgut wieder, so tritt in der nächsten Generation – der F2 – die größtmögliche genetische Aufspaltung auf. Dies bedeutet, dass auch die Degeneration der Inzuchtlinien wieder zum Tragen kommen kann. Saatgut von Hybridzüchtungen muss jedes Jahr neu gekauft werden.

Zudem sind diese Sorten voranging für die moderne Agrarindustrie und den konventionellen Erwerbsanbau ausgelegt. Ein direkt vermarktenden Bio-Gemüsebetrieb oder ein Hausgärtner hat jedoch andere Anforderungen. So ist für letztere z. B. ein möglichst langer Erntezeitraum wichtig im Gegensatz zu einer zeitgleichen Abreife für maschinelle Beerntbarkeit. Ein anderes Beispiel: Transport- und Lagerfähigkeit einer Tomate ist für den Hausgarten nicht wichtig. Ganz im Gegenteil hier wird reif und frisch geerntet und die Tomate schmeckt einfach um Welten besser. Gerade geschmacklich haben die alten Sorten besonders viel zu bieten. Außerdem bescheren sie uns eine große und bunte Vielfalt, mit der das F1-Einheitsgemüse aus dem Supermarkt nicht nur hinsichtlich des Geschmacks nicht mithalten kann. So gibt es allein 1000de von verschiedenen Tomaten- und Bohnensorten und viele gesunde Wintergemüse für den saisonal-regionalen Bedarf.

M-Q: Sind samenfeste Sorten einfacher oder schwieriger zu kultivieren als Hybridsorten oder gibt es hier keinen Unterschied?

Annette Holländer: Grundsätzlich ist in der Kultur erst einmal kein Unterschied. Der Vorteil der samenfesten Sorten ist jedoch, dass sie zu einer regionalen Anpassung fähig sind. D. h., vermehrt man eine samenfeste Sorte immer wieder unter ähnlichen Standortverhältnissen passt sich die Sorte an Boden- und Klimaverhältnisse an. Auf diese Weise sind früher die vielen sogenannten Lokal- oder Hofsorten entstanden. Oft zeichnen sich diese Sorten z. B. durch Robustheit im Freilandanbau aus.

M-Q: Wie widerstandsfähig sind samenfeste Sorten gegenüber Schädlingen und Pilzkrankheiten wie z.B. dem Mehltau?

Grüne und gelbe Bohnen (Foto: Annette Holländer)

Samenfeste Sorten: Grüne und gelbe Bohnen (Foto: Annette Holländer)

Annette Holländer: Das ist unterschiedlich. Es gibt auch bei den samenfesten Sorten empfindliche sowie widerstandsfähige Sorten. Über verschiedene Organisationen werden viele alte Sorten wieder in den Testanbau gebracht, um sie auf Widerstandsfähigkeit und ihre Eignung vor allem für den ökologischen Erwerbsanbau zu testen. Oft mit sehr guten Ergebnissen.

Samenfeste Sorten werden für den Öko-Anbau getestet

M-Q: Heute dominieren große Konzerne wie Monsanto, Pioneer, Syngenta, Bayer, CropScience und die KWS Saat AG mit gentechnisch verändertem Saatgut und Hybridsaaten den Weltmarkt. Sehen Sie als Vertreterin des VEN diese Firmen als Gegner oder können Sie sich eine Kooperation vorstellen, um die Sortenvielfalt in der industriellen Landwirtschaft zu erweitern?

Annette Holländer: Beobachtet man, wie über Saatgutgesetzgebungen, Lizenzbestimmungen und Freihandelsabkommen kleinbäuerliche Betriebe weltweit in eine Abhängigkeit getrieben werden und ihr über Jahrhunderte selbst vermehrtes Saatgut nicht mehr verwenden dürfen, wird deutlich, dass von Seiten der Konzerne die Sortenvielfalt in der traditionellen Form nicht mehr erwünscht ist bzw. mit allen Mitteln unterbunden werden soll. Die Frage einer Kooperation stellt sich zumindest momentan nicht. Eine wirkliche Option für die Erhaltung der Sortenvielfalt wäre eine grundsätzliche Überarbeitung des Saatgutrechts weltweit, sodass Saatgut alter und samenfester Sorten frei verfügbar wird bzw. bleibt und sich jeder Haus- und Erwerbsgärtner und jeder bäuerliche Betrieb entscheiden kann, mit welchem Saatgut er arbeiten will.

M-Q: Wie kann man, wenn man samenfeste Sorten anbaut, z.B. Tomaten, selbst daraus Saatgut gewinnen und im nächsten Jahr die Sorte wieder aussäen?

Leicht zu vermehren: Samenfeste Tomaten (Foto: Birgit Kuhn)

Leicht zu vermehren: Samenfeste Sorten, hier am Beispiel von Tomaten (Foto: Birgit Kuhn)

Annette Holländer: Bei Tomaten ist das relativ einfach, weil Tomaten selbst befruchtend sind – also in der Regel keine Verkreuzungen mit anderen Sorten auftreten – und man die Samen bei der Ernte aus der reifen Frucht nehmen kann. Gereinigt und getrocknet kann man die Samen bis zum nächsten Frühling aufbewahren und wieder aussäen. Insgesamt benötigt man jedoch schon etwas Hintergrundwissen, um sortenreines und keimfähiges Saatgut zu gewinnen. Wichtig ist die jeweilige Zugehörigkeit zu Pflanzenfamilien und deren Befruchtungsbiologie, aber auch wie Saatguternte, Reinigung und Lagerung funktioniert. Dazu gibt es gute Literatur, besonders zu empfehlen ist das „Handbuch der Samengärtnerei“ von Andra Heistinger und Arche Noah. Sinnvoll sind auch Praxiskurse und Workshops, wie wir sie z. B. über „Garten des Lebens“ anbieten.

M-Q: Der VEN bietet Saatgut für samenfeste Sorten nur für den privaten Gebrauch und in kleinen Mengen. Warum nicht auch für Gärtner, die die Ernte verkaufen, oder für Betriebe nach dem Modell der Solidarischen Landwirtschaft?

Annette Holländer: Das Inverkehrbringen von Saatgut wird über die Saatgutgesetzgebung geregelt. Es ist nicht erlaubt, nicht zugelassenes Saatgut in Verkehr zu bringen. Die Weitergabe im privaten Bereich wird momentan sozusagen geduldet und da das Saatgut von privaten Erhaltern erzeugt wird stehen auch nur kleine Mengen zur Verfügung.

M-Q: In ihrem „Garten des Lebens“ bieten Sie Samen aus Erhaltungsanbau. Was genau ist Erhaltungsanbau und welche Samen bieten Sie?

Samenfeste Sorte: Krimberger Erbse (Foto: Annette Holländer)

Samenfeste Sorten: Krimberger Erbse (Foto: Annette Holländer)

Annette Holländer: Es handelt sich dabei um alte und samenfeste Gemüsesorten, die nicht mehr in der Sortenzulassung sind. Diese Sorten sterben aus, wenn sie nicht mehr angebaut, vermehrt und somit erhalten werden. Schätzungen zu Folge sind seit 1900 ca. 75% der landwirtschaftlichen Nutzpflanzen ausgestorben und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Dabei bin ich immer auf der Suche nach alten Lokalsorten – wie z. B. dem Salat „Altöttinger Großkopfada“ und robusten Sorten für den Freiland- und Überwinterungsanbau.

M-Q: Unterstützen Sie die Freizeitgärtner, die von Ihnen samenfeste Sorten beziehen, auch bei Fragen rund um die Gartenarbeit?

Annette Holländer: Ja, es kommt immer wieder vor, dass Fragen zu Kultur und Vermehrung gerade bei nicht so bekannten Sorten gestellt werden. Selbstverständlich helfen wir den interessierten Hobbygärtnern gerne bei ihren Fragen.

M-Q: Mit demGarten des Lebens“, den Sie nach den Prinzipien der Permakultur mit samenfesten Sorten bewirtschaften, möchten Sie den Grundstein für eine nachhaltige und natürliche Ernährung legen. Was genau meinen Sie damit?

Impressionen aus dem Garten des Lebens (Foto: Annette Holländer)

Impressionen aus dem Garten des Lebens (Foto: Annette Holländer)

Annette Holländer: Ernährung kann nur nachhaltig sein, wenn ich dem Boden und der Erde zurückgebe, was ich über Kultur und Ernte entnehme – dies ohne die Verwendung chemischer Dünge- oder Schädlingsbekämpfungsmittel – und die Zyklen der Natur achte. Dies entspricht neben anderen, z. B. ethischen Aspekten, den Prinzipien der Permakultur, einer ökologischen Kreislaufwirtschaft.

Solch natürlich erzeugte Lebensmittel schmecken hervorragend und verfügen über viele wertvolle Inhaltsstoffe. Künstliche Aromastoffe, Geschmacksverstärker, etc. sind überflüssig – ganz im Gegenteil: wir mögen solch behandelte Lebensmittel nicht mehr essen. Für unsere Selbstversorgung mit Gemüse spielen dabei die alten und samenfesten Sorten eine große Rolle.

M-Q: Was wünschen Sie sich und planen für die Zukunft Ihres Garten des Lebens?

Große Sammlung von Samen für die Aussaat samenfester Gemüsesorten (Foto: Birgit Kuhn

Große Sammlung von Samen für die Aussaat samenfester Sorten (Foto: Birgit Kuhn)

Annette Holländer: Immer mehr Menschen wollen wieder wissen, wo ihre Nahrungsmittel herkommen, wie sie erzeugt werden und welche Auswirkungen unser Konsumverhalten auf andere Menschen hat. Und immer mehr Menschen möchten ihr eigenes Gemüse anbauen. Ich hoffe, dass wir mit unseren Angeboten zu diesen Themen informieren, unterstützen und einen Beitrag leisten können.

Natürlich gibt es auch Wünsche und Visionen. So die Anlage eines Schau- und Vermehrungsgartens, der auf unseren derzeitigen Flächen in dieser Form nicht möglich ist und den Aufbau eines regionalen Erhaltungsnetzwerks in dem die Menschen in Hausgärten und Gemeinschaftsgärten aktiv zusammen arbeiten, um besondere Sorten zu erhalten.

Kurzfristig erhoffe ich mir viele interessierte Besucher auf dem Saatgutfest in München im ÖBZ am 22.02.2015.

Vielen Dank für das Interview!

Annette Holländer, Expertin für samenfeste Sorten (Foto: Volker Dautzenberg)

Annette Holländer, Expertin für samenfeste Sorten
(Foto: Volker Dautzenberg)

Kontakt:

Garten des Lebens
Annette Holländer & Hans Sondermeier
Glonner Str. 8a
85625 Baiern, Ortsteil Antholing
Tel.: 08093 905 75 60
kontakt@garten-des-lebens.de

www.garten-des-lebens.de

www.nutzpflanzenvielfalt.de

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2 Kommentare

  1. Miss Margarite am

    Wo kriegt man denn als Privatgärtner noch Saatgut von solchen alten Sorten her? Gibt es die wirklich gar nicht mehr zu kaufen, oder sind sie einfach nur schwer aufzutreiben?
    Welchen „Sinn“ hat eigentlich diese Regelung, dass dieses Saatgut nicht mehr verkauft werden darf und wer hat sie eingeführt? Das wäre auch noch mal interessant zu wissen.
    Viele Grüße

    • Birgit Kuhn

      Liebe Miss Margarite, samenfeste Sorten können Sie auf Saatgutmärkten wie dem Saatgutmarkt im ÖBZ, wo speziell solche Sorten angeboten werden, kaufen. Ferner gibt es im Internet viele Portale, die samenfestes Saatgut vertreiben.
      Auch im Garten-Fachhandel können Sie solche Sorten kaufen.
      Ebenso natürlich bei Frau Holländer, mit der wir das Interview geführt haben!

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