Münchener Initiative gegen Lebensmittelverschwendung

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Das Motto der bereits ein wenig über Pasing hinaus arbeitenden Initiative lautet "think global, act local" (Grafik: www.RETTENundTEILEN.de)Seit mehreren Monaten holen Mitglieder der Initiative „RETTEN und TEILEN“ in München-Pasing von Händlern Lebensmittel ab, die trotz ihrer Frische nicht mehr verkauft werden, und geben sie unter Beachtung von Lebensmittelrechten an Bedürftige weiter. Wie ist es zu der Initiative gekommen und was hat sie bisher erreicht? Was sind die Ziele für die Zukunft? Birgit Kuhn und Dr. Sofia Delgado, die Gründerinnen von muenchen-querbeet.de, haben mit dem Initiativgründer Oliver Renn gesprochen.

M-Q: Wie ist es zu der Initiative „RETTEN und TEILEN“ gekommen?

Oliver Renn: Ich beschäftige mich in den letzten Jahren verstärkt mit dem Bereich Lebensmittelverschwendung. Einer von wahrscheinlich mehreren Auslösern nicht mehr nur im eigenen Leben, im eigenen Konsumverhalten etwas zu ändern, sondern darüber hinaus aktiv Unternehmer und Marktleute anzufragen, ihre Reste besser sozial weiter zu geben als wegzuwerfen, war sicher, dass mir in Berlin – meiner ehemaligen Wahlheimat – eines Tages zufällig ein engagierter Kerl begegnet ist, der – wie ich dann erfuhr – fast täglich auf der dortigen Ring-S-Bahn zwei Stunden umher fährt und an jedem Zwischenstopp gezielt Backwaren an Menschen mit wenig Einkommen verteilt, welche ihm Bäckereien ein paar Minuten nach Ladenschluss mitgegeben haben.

Viele Supermärkte meinen ja, dass sich Verbraucher auch hierzulande vermeintlich nichts sehnlicher wünschen, als alle denkbaren Lebensmittel jederzeit und in möglichst großer, scheinbar unterschiedlicher Label-Auswahl sowie in völliger “Makellosigkeit” verfügbar zu haben. Kartoffeln etwa dürfen nicht zu klein, nicht zu klobig und auch nicht zu “unförmig” sein. Es muss immer alles vorrätig sein – da aber nicht alles verkauft wird und am nächsten Morgen Platz in den Regalen gebraucht wird, landet tagtäglich ein immenser Teil von genießbarem Essen im Müll.

Gleichzeitig gibt es auch hierzulande viele Menschen, die sich zum Beispiel kaum noch halbwegs vernünftiges Obst oder Gemüse leisten können. Dieser doppelten Perversion wollen wir entgegentreten…

M-Q: Wie viele Leute machen bei „RETTEN und TEILEN“ mit und verteilen Lebensmittel?

Oliver Renn: Wir sind derzeit rund fünfzehn Privatpersonen, die sich nach dem Motto „Retten und Teilen – think global, act local” für Nachhaltigkeit und für finanziell Schwache in ihrer unmittelbaren Umgebung – auch ein wenig über Pasing hinaus – einsetzen. Es machen Junge wie Ältere mit, Stundenten, Sozialhilfeempfänger, ebenso Berufstätige und Rentner. Also auch Menschen die dann selber von einem Teil der von ihnen geretteten Lebensmitteln profitieren, die mit einem guten Auskommen hingegen geben die Dinge in vollem Umfang weiter.

M-Q: Welche Art von Lebensmittel holt „RETTEN und TEILEN“ von Händlern in Pasing ab?

Oliver Renn: Wir retten Backwaren aller Art, Brot, Gebäck, Brezen, Brötchen bis hin zu Kuchen, teils unglaubliche Mengen von Obst und Gemüse, mitunter „fertiges“ Essen – soweit es weiter gegeben werden darf – wie zum Beispiel Pizza vom Schnellimbiss, Joghurte und Müslis, Obstsalate, belegte Paninibrote, Wraps…

M-Q: Gibt es Mindestmengen, ab der Sie Lebensmittel abholen?

Oliver Renn: Nein. Es kann auch mal sein, dass wir einen Betrieb – wir holen übrigens zu Zeiten ab, die der Händler wünscht – auch mal vergeblich ansteuern, weil überraschend an einem Tag gar nichts überschüssig war.

Da wir außer an einem großen Markt viel mit MVV oder Rädern unterwegs sind und so selten Benzin verschleudert wird, ist das auch nicht schlimm. Uns ist wichtig, dass nichts weggeworfen wird, und dass es in die „richtigen“ Hände kommt. Wenn Läden mit uns kooperieren wollen, brauchen sie garantiert keine Sorge haben, dass wir unzufrieden sind, wenn einen Tag mal wenig oder gar keine Waren gespendet werden. Fast möchte ich sagen im Gegenteil, denn das heißt ja dann, dass der Unternehmer gut kalkuliert.

M-Q: Wie, wo und an welchen Personenkreis verteilen Sie die Lebensmittel?

Oliver Renn: Wir geben diese – natürlich unter Beachtung von Lebensmittelrechten – direkt an Menschen weiter, die kaum oder gar kein Geld haben. Die Leute können in bestehenden Institutionen verkehren, wie zum Beispiel in Flüchtlingsheimen oder der Bahnhofsmission. Wir teilen aber auch mit Menschen in unserer jeweiligen Nachbarschaft, die arbeitslos sind oder mit einem spärlichen Einkommen erkennbar kaum mehr über die Runden kommen: Zum Beispiel an verarmte Rentner, finanzschwache Familien mit mehreren Kindern, Werktätige aus dem so genannten Niedriglohnsektor oder Studenten ohne familiäre finanzielle Absicherung. Und wir verteilen vor allem auch direkt bei Obdachlosen auf der Straße – die im übrigen nicht nur am Hauptbahnhof zu finden sind.

M-Q: Kontrollieren Sie, ob es bei sich bei den Empfängern tatsächlich um Menschen mit einem niedrigen Einkommen handelt?

Oliver Renn: Wir prüfen keine Papiere, wie Hartz-IV-Bescheide oder Ähnliches. Zumal Bedürftigkeit nicht nur dort herrscht, wo „das Amt“ seinen Stempel drunter setzt. In Flüchtlingsheimen oder Obdachlosenunterkünften sowie draußen an bestimmten Plätzen findet man sehr schnell Leute, die Hilfe brauchen und diese auch gern annehmen, aber aus unterschiedlichsten Gründen nicht oder nicht mehr mit dieser schrecklichen Bürokratie hierzulande kämpfen wollen oder können.

M-Q: Die Tafel gibt überschüssige Lebensmittel an Bedürftige weiter, Foodsharing ermöglicht es Privatpersonen, Händlern und Produzenten, überzählige Lebensmittel an Interessenten weiterzugeben und so vor dem Verderb zu bewahren. Warum engagieren Sie sich nicht in einer dieser Initiativen, sondern haben mit „RETTEN und TEILEN“ eine eigene Initiative gegründet?

Die Bildzusammenzustellung zeigt einen Bruchteil dessen, was die Initiative an einem Samstag im Juli 2014 bei einer einzigen Abholung rettete. insgesamt stemmt das Team von “Retten und Teilen” pro Woche mehr als 30 Abholtermine bei insg. 10 Kooperationspartnern, darunter auch Bäckereien und diverse Imbissstände (Foto: www.RETTENundTEILEN.de)

Die Bildzusammenzustellung zeigt einen Bruchteil dessen, was die Initiative an einem Samstag im Juli 2014 bei einer einzigen Abholung rettete. insgesamt stemmt das Team von “Retten und Teilen” pro Woche mehr als 30 Abholtermine bei insg. 10 Kooperationspartnern, darunter auch Bäckereien und diverse Imbissstände (Foto: www.RETTENundTEILEN.de)

Oliver Renn: Die Tafel unterstützt unseres Wissens ausschließlich Bedürftige, die mit einem Hartz-IV-Bescheid kommen. Abgesehen davon stößt die Tafel mittlerweile gerade in Großstädten längst an ihre Grenzen. Hartz-IV-Empfänger, die zum Beispiel in Pasing oder Laim wohnen oder gar frisch hier hergezogen sind, haben – wie uns die Verantwortlichen der für diese Stadtteile zuständigen Tafel bestätigten – zumindest über viele Monate keine Möglichkeit, dort etwas zu erhaschen, weil selbst die Wartelisten voll sind. Und das gilt nicht nur für München, sondern etwa auch für Frankfurt am Main, wie erst unlängst wieder berichtet wurde. Ganz abgesehen davon, gibt es auch Menschen, die Hilfe suchen, aber nichts mit den Kirchen zu tun haben wollen.

Weil Sie auch nach der so genannten Foodsharing-Plattform fragen. Ich hab dort sogar über einen repräsentativen Zeitraum mehr als reingeschnuppert. Aber leider wird einem bei der Anmeldung – und, wie ich feststellen musste, nicht nur den „Savern“, sondern vor allem auch den Betrieben – etwas versprochen, was letztlich nicht oder nur durch Eigenengagement weniger Einzelner gehalten wird.

Nämlich der uns immens wichtige soziale Aspekt. Manche „Player“ dort haben gar eine erkennbare Abneigung gegen Obdachlose oder andere Menschen in prekären Lebenssituationen, vielleicht sogar ein Problem mit Migranten. In jedem Fall sprechen und schreiben manche, die dort – zwar ohne, dass sie jemand in eine Funktion gewählt hätte – von „dunklen Gestalten“ die nicht immer „Gutes im Schilde führen“, wenn andere vorschlugen, Lebensmittel unkompliziert an „Sandler“ am Bahnhof weiterzugeben.

Zudem sind Basisdemokratie und Transparenz für „Foodsharing“ offenkundig absolute Fremdworte.

Lustigerweise ist man bei den „Kollegen“ stolz darauf, allein für München über 2.000 Facebookfans zu haben, und davon angeblich über 300 Menschen, die retten wollen, die sich dafür zumindest aufwändig registriert haben. Trotzdem gibt es derzeit quer durch die Stadt und im Umland bestenfalls 30 Betriebe, die mit denen annähernd regelmäßig kooperieren wollen. Wir indes verzichten auf große Pseudoevents, wo anscheinend mehr die Party als das Retten, geschweige denn die soziale Komponente, im Vordergrund steht. Umso schöner, dass ihr von muenchen-querbeet.de trotzdem auf uns aufmerksam wurdet.

M-Q: Wie viele Lebensmittel konnten Sie seit Beginn der Initiative verteilen?

Oliver Renn: Die Erträge der Kooperationen die wir schon akquiriert hatten, als das Gründerteam von www.rettenundteilen.de noch unter dem „Dach“ der zuletzt genannten Kollegen mitwirkte, also das, was wir von Februar bis Mai gerettet haben, wurde dort pseudomäßig „gezählt“. Derjenige, der auf deren Plattform einen Betrieb einträgt, schätzt, was bei künftigen Abholungen vielleicht anfällt. Was dann diejenigen, die den einen oder anderen Abholtermin covern, tatsächlich abholten, interessierte niemanden.

Im Gegenteil, wenn da zum Beispiel ein Betrieb eingetragen ist mit einer geschätzten Spendenmenge von 2 Kilo wurde, wenn zwei Personen zum Abholen eingetragen waren, wird offenkundig multipliziert für ein vages Gesamtergebnis. In jedem Fall haben dann beide Abholer jeder für sich 2 Kilo „Rettung“ eingetragen gehabt.

Auch so ein Punkt, der uns bei „foodsharing“ abschreckte. Aber zu Ihrer konkreten Frage, wir müssten schätzen. Denn wir wiegen nicht und führen auch keine Strichlisten. Bei Bäckereien etwa, mit denen wir kooperieren, ist es an durchschnittlichen Tagen beispielsweise mindestens ein 3/4 voller großer „Müllsack“ voll von frischen Waren, die noch wenige Minuten vorher im Verkauf waren. Wir haben aktuell zehn Kooperationen, bei denen wir mindestens einmal die Woche, teils aber vier, fünf Mal die Woche mitunter jeweils so viel abholen, dass es eine Einzelperson, die eigentlich anpacken kann, nicht alleine wegtragen könnte. Bei einem Wochenmarkt zum Beispiel kommen wir ohne geräumige PKWs gar nicht aus. Und die sind häufig fast bis zum letzten Zentimeter voll gepackt. Kurzum: Es ist in jedem Fall erschreckend viel, was an guter Qualität tatsächlich in der Tonne landen würde.

M-Q: Neben Lebensmitteln sammeln Sie auch Kleidung und Kleinmöbel, um sie an Bedürftige weiterzugeben. Sehen Sie einen erhöhten Bedarf in München, obwohl es zahlreiche Einrichtungen in München gibt, die diese Aufgabe schon übernehmen?

Oliver Renn: Da spielen Sie ein wenig auf „Zukunftsmusik“ an. Derzeit (Stand Mitte Juli 2014, Anm. d.Red.) sammeln wir bis auf wenigste Ausnahmen – zwei, drei Privatleute hatten uns angesprochen wegen Kleidung und Spielwaren, auch die wurden flugs sozial fair-teilt – noch ausschließlich Lebensmittel. Wir haben leider noch keinen kostenfreien Raum für unseren angedachten “Fairteiler” in Pasing gefunden. Wenn es soweit ist, wollen wir in einem “Umsonstladen” aber dann u.a. tatsächlich auch Klamotten, Kleinmöbel und Kleingeräte vor der Tonne bewahren. Der Bedarf ist unserer Einschätzung nach groß, denn die Zahl derer, die immer weniger Geld zur Verfügung haben, wird nicht weniger, sondern wächst leider stetig.

Vor allem denken wir eben so lokal wie möglich, Stichwort: Nachbarschaftshilfe, wollen also auch entsprechend primär dann Menschen in Pasing ansprechen. Sowohl hinsichtlich der potenziellen Empfänger von Waren als auch hinsichtlich der Spender. Da hat vielleicht jemand den Keller voll Zeugs, was andere gut brauchen könnten, hat aber bisher nie ans Ausmisten gedacht und kommt dann an einem neuen Umsonstladen vorbei und nimmt das als Ansporn mal gezielt auszusortieren, weil er die Dinge dann aufwandlos um die nächste Ecke bringen kann…

M-Q: Was ist Ihr Ziel für die kommenden Monate?

Oliver Renn: Da gibt es gleich zwei Punkte. Neben eben dem Finden eines geeigneten Raums: das Team auszubauen, um dann zuverlässig auch weitere Spenderbetriebe bearbeiten zu können um letztlich mehr Menschen gezielter helfen zu können.

M-Q: Welche Unterstützung wünschen Sie sich?

Oliver Renn: Jeder,  der bei uns mitwirken möchte, braucht im Grunde nur zwei was mitzubringen: das Herz am rechten Fleck, also eine gewisse Weltoffenheit und mindestens 1-2 Stunden Zeit pro Woche nebst der Möglichkeit an unterschiedlichen Orten in Pasing und der näheren Umgebung mit anzupacken. Gerne übrigens zu wechselnden Terminen. Sprich: Niemand der bei uns mitmischt muss beispielsweise jeden Donnerstag um 18 Uhr Zeit haben, weil er sich einmal für jenen Termin begeistern konnte. Das kann gerne wechseln und tut es in unserem Team auch. Nur: wer Termine übernimmt, muss die natürlich zuverlässig abholen und eben hinterher sozial weiter fair-teilen, wenn er oder sie nicht selber bedürftig ist bzw. die geretteten Lebensmittel ohnedies meist viel zu viel für eine Person alleine sind.

M-Q: Vielen Dank für das Gespräch!

Oliver Renn: Wir haben zu danken!

Oliver Renn

Jahrgang 1971, gebürtig in Franken, verheiratet, lebte lange in Berlin und in Georgien und seit Sommer 2013 nun in München. In seiner Heimatstadt Bamberg hat er in den 1990ern „viel Zeit verschwendet“, namentlich den Diplomstudiengang Germanistik, Schwerpunkt Journalistik, Nebenfach Soziologie – wie er selbst sagt – „letztlich irgendwann mit Abschluss zu Ende gebracht“, weil ihm die Praxis stets wichtiger war „als das Nachplappern von opportunistischen Konzepten oder gar das Erlernen von ‚Althochdeutsch'“. Er arbeitet seither primär im Bereich Online- und Printberichterstattung – mit den Schwerpunkten Kultur und Gesellschaftlich-Soziales. In die bayerische Landeshauptstadt brachte ihn der sog. NSU-Prozess. Oliver Renn ist für die medienkritische, pazifistische Webseite „www.das-zob.de“ (zum 1-jährigen verlegte man auch eine Zeitschrift) akkreditiert, die unter dem Motto „Gegen Rassismus, gegen Vertuschung“ arbeitet und anders als diverse Medienhäuser, die sich dereinst um die Presseplätze gar vor Gericht zankten, (bisher) keinen einzigen Verhandlungstag verpasst hat. Die soziale Arbeit mit „Retten und Teilen“ sei für ihn ein wichtiger Ausgleich zu dem Irrsinn, den er rund um „üble Nazigestalten und auch verlogene Beamte“ mehrfach die Woche im OLG erlebt.

Der Name der Initiative ist Programm, es geht um mehr als "nur" das Retten von Lebensmitteln. Der Gedanke der sozialen Weitergabe an Bedürftige ist in Pasing von zentraler Bedeutung. (Grafik: www.RETTENundTEILEN.de)Information und Kontakt:
RETTEN und TEILEN

Ansprechpartner u.a.: Nino Ketschagmadse und Oliver Renn
mail: muenchen@rettenundteilen.de
http://rettenundteilen.de

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