Quetschtüte-Früchtpürees: überflüssig & schädlich

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Apfel? Mag ich nicht! Banane? Nein! Birne? Auch nicht! Haben Sie auch ein Kind, das nicht gerne Obst isst? Wer seinen Kindern Obst schmackhaft machen möchte, kann inzwischen unter verschiedenen Darreichungsformen wählen: Entweder man nimmt frisches Obst und schneidet es klein oder püriert es. Dann gibt es die bekannten Obstgläschen aus der Abteilung Babynahrung. Doch das ist noch lange nicht alles, was der Markt bietet…

Kinder können ganz schön nerven. Beim Essen geht es oft hoch her: Manche mäkeln und essen nur widerwillig, einige essen bei den Mahlzeiten fast nichts und klagen hinterher über Hunger, andere wiederum verschlingen von einer Sorte Nahrungsmittel enorme Mengen, während andere Lebensmittel wie z.B. Obst verschmäht werden…

Mogli-Früchtpüree-Beutel mit demeter-Siegel (Foto: Birgit Kuhn)

Mogli-Früchtpüree-Quetschtüte mit demeter-Siegel

Was tun? Die Nahrungsmittelindustrie hat für kleine Obstmuffel eine bequeme Lösung gefunden: Bei Bebivita heißen sie Kinderspaß, bei Alete FruchtBar, bei Hipp FrüchteSpaß,  Kinella bietet sie unter dem Namen Früchtchen an, bei Holle, ein Produzent mit demeter-Auszeichnung, nennt man sie fruchtpur bzw. Fruchtpouches und Mogli, ebenfalls eine Produktreihe mit demeter-Siegel, gibt es sie unter dem Begriff Moothie.

Worum geht´s? Fruchtpüree-Beutel zum Ausquetschen, häufig auch Quetschie oder Quetschtüte genannt.

Verbraucherzentralen sehen Fruchtpüree-Quetschtüte kritisch

Bereits mehrmals haben sich die Verbraucherzentralen kritisch zu den Fruchtpüree-Beuteln geäußert – im Sommer 2014 die Verbraucherzentrale Niedersachsen, jetzt auch die Verbraucherzentrale Bayern.

Im Mittelpunkt der Kritik der Verbraucherzentale Niedersachsen steht der Preis – eine Quetschtüte ist, verglichen mit einem Baby-Obstgläschen, sehr viel teurer. Dazu kommt, dass beim Ausquetschen bzw. Aussaugen des Beutels die Kaumuskulatur brach liegt; damit werden die Sprachwerkzeuge des Kindes nicht gefördert.

Obst vom Bauernmarkt (Foto: Birgit Kuhn)

Obst vom Bauernmarkt

Die Verbraucherzentrale Bayern hat 12 Fruchtpüree-Produkte für Kinder unter die Lupe genommen und nach der Herkunft der Inhaltsstoffe untersucht. Das Ergebnis: Wer auf regionale Produkte setzt, erhält bei Quetschtüten kaum Auskunft darüber, woher die Inhaltsstoffe stammen – man kann also davon ausgehen, dass die Früchte einen weiten Weg hinter sich haben. Im Vergleich zu Frischobst schneidet, so die Verbraucherzentrale Bayern, die Quetschtüte, was den Beitrag zur gesunden Ernährung angeht, ebenfalls schlechter ab: Um das Fruchtmus haltbar zu machen, muss es pasteurisiert werden. Dabei gehen hitzeempfindliche Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe verloren.

Uns fallen dazu zwei weitere Aspekte ein:

Fast jeder kennt das Spiel „Augen zu, Mund auf“. Die Kinder sehen nicht, was sie essen. Ihre Aufgabe ist, es zu erraten, was sich in ihrem Mund befindet. So ähnlich ist es bei den Fruchtbeuteln auch – Kinder sehen und wissen auch nicht, was sie essen! Doch nicht nur die Kinder sind im Unklaren darüber, was sie essen – auch denjenigen, die Kindern die Quetschtüte „verabreichen“, geht es genauso! Sie haben die Quetschtüte ja nicht selbst produziert und müssen sich auf die Angaben der Hersteller verlassen.

Man sieht nicht, was und wie viel man isst: Qualität und Menge des Obstes in Fruchtbeuteln ist nicht von außen erkennbar

Wie schmecken die Fruchtpürees in der Quetschtüte? Wie viel ist in einem Beutel enthalten? Wir haben uns eine Packung Bebivita Kinderspaß „Banane-Heidelbeere in Apfel“ gekauft und eine Tüte probiert!

Fruchtpüree-Beutel ausquetschen (Foto: Birgit Kuhn)

Fruchtpüree-Beutel ausquetschen

Um zu wissen, was sich in dem Beutel befindet, muss man ihn ausquetschen – also rein damit in die Schüssel! Herausgekommen ist ein ziemlich dünnflüssiger Brei in einer Farbe, die zwischen Mittelbraun und Lila liegt.

Und, wie hat´s geschmeckt? Fruchtig, das ist klar, und vor allem süß. Die Konsistenz des Pürees ist außerordentlich fein, es sind keinerlei Fruchtstückchen zu erkennen und mit der Zunge zu erspüren.

Die Menge, die in einem Früchtpüree-Beutel enthalten ist, ist sehr überschaubar: Zehn bis elf gut gefüllte Teelöffel – mehr ist in einer 90 Gramm-Quetschtüte nicht drin. So gesehen, weiß man eigentlich erst beim Löffeln, wie viel man gegessen hat. Wie viel Obst ist das aber, umgerechnet in die einzelnen Bestandteile? Ein halber Apfel, ein Viertel Banane und drei Heidelbeeren? Anders als bei vielen anderen Quetschbeutel-Fruchtpürees gibt es auf der Bebivita-Packung keine Information dazu. Bei diesem Produkt weiß man also nicht wirklich, wie viel man gegessen hat!

Zurück zum Spiel „Augen zu, Mund auf“. Hier, bei den Fruchtbeuteln, geht es, anders als bei dem Spiel,  nicht darum, die Sinne zu schärfen und Obst nach seiner Konsistenz und seinem Geschmack zu erkennen und zu benennen.

Im Gegenteil – hier wird eher das Spiel „Du isst was, was du nicht siehst und möglicherweise auch nicht kennst“ gespielt: Kindern wird mit den Quetschies Obst, das sie sonst in vielen Fällen verschmähen, einfach „untergejubelt“. Das ist im ersten Moment sehr praktisch: Die Eltern haben das Gefühl, sie hätten ihre Pflicht getan und dem Kind die Nährstoffe, die es braucht, „verabreicht“.

Langfristig kann es aber dazu führen, dass die Kinder, die an Frucht-Quetschbeutel gewöhnt sind, lange kein „richtiges“ Obst essen, also unzerkleinertes Obst, das auch als solches erkennbar ist.

Ehrlich gesagt, möchte ich einen Mischmasch aus verschiedenen Obstsorten, die ich nicht sehe, und deren Qualität ich nicht beurteilen kann, nicht essen. Anderen Erwachsenen geht es wohl ähnlich. Warum ist man Kindern gegenüber nicht ehrlich und sagt, was in der Quetschtüte st? Warum sind Eltern hier so vertrauensselig und fordern die Hersteller nicht dazu auf, die Beutel durchsichtig zu gestalten, damit sie und die Kinder einen Blick auf den Inhalt werfen können? Obstgläschen sind ja auch durchsichtig!

Fruchtpüree aus der Quetschtüte: Viel Plastik, wenig Frucht

Was mich nicht weniger erbost, ist das Material, aus dem die Quetschtüte gefertigt werden. Es ist, wie sehr viele Verpackungen, Plastik. Wie viel Plastik enthält eine Quetschtüte?

Leeren Früchtpüree-Beutel wiegen (Foto: Birgit Kuhn)

Leeren Früchtpüree-Beutel wiegen

Auch hier haben wir den Test gemacht: Eine Quetschtüte von Bebivita wiegt 10 Gramm! Zusammen mit dem Inhalt, der 90 Gramm ausmacht, kommt man pro Beutel auf 100 g! Oder, andersherum gerechnet: Mehr als ein Zehntel des Produkt-Gewichts macht die Verpackung aus!

Macht das Sinn? Wir meinen NEIN! Wer seine Kinder gesund und sinnvoll ernähren möchte, gibt ihm kein Essen, das in einer Verpackung steckt, die – wie generell Plastik – ausgesprochen umweltschädlich ist!

Warum gibt es inzwischen in jedem Supermarkt, in Drogeriemärkten und sogar in Öko-Läden diese Produkte? Obst-Quetschtüten sind für Erwachsene vor allem eines – bequem: Wer einem Kind eine Quetschtüte in die Hand gibt, braucht keinen Löffel, um es mit dem Fruchtbrei zu füttern. Quetschies sind „sauber“: Man muss auch nicht befürchten, dass sich das Kind bekleckert, wenn es seinen Fruchtbrei selbst mit dem Löffel isst. Ein weiterer Vorteil an Bequemlichkeit – man muss mit dem Kind auch nicht die Menge diskutieren: Während Apfelstückchen und Apfelmus nach einer Weile an der frischen Luft braun werden und die Eltern ihre Kinder häufig deshalb zum Aufessen drängen, ist das Obst in der Quetschtüte luftdickt verpackt und behält seine Optik – die man ja eh nicht sieht – länger. Man kann den Fruchtbeutel wieder verschließen und für spätere Quetsch-Mahlzeiten aufheben. Dazu kommt, dass das Kind eh nicht weiß, wie viel Obst es wirklich gegessen hat – umgerechnet in „echtes“, unverarbeitetes Obst.

Preiswerte und ökologisch sinnvolle Alternativen zur Quetschtüte

Fruchtgläschen in der Abteilung für Kindernahrung (Foto: Birgit Kuhn)

Obstgläschen in der Abteilung für Kindernahrung

Eine bequeme Alternative zu Quetschies sind Obstgläschen. Sie bestehen, wie der Namen schon sagt, aus Glas und sind damit durchsichtig. Damit ist eine gewisse Einsicht in die Qualität des Produktes möglich – der Kunde tappt nicht, wie bei den Quetschies, völlig im Dunkeln! Zudem lernt das Kind mit dem Löffel zu essen – es wird gefüttert oder isst selbst. Dabei sprechen die Erwachsenen mit dem Kind, es ist also eine richtige Essens-Situation, bei der das Kind Aufmerksamkeit und Zuwendung erfährt – eine wichtige Voraussetzung für seine gute Entwicklung.

Obstgläschen sind, verglichen mit Quetschies, zudem auch sehr viel günstiger und können hinterher gut recycelt werden; sie sind also auch umweltfreundlicher als Quetschbeutel.

Leicht in die Hand zu nehmen: Apfelstückchen (Foto: Birgit Kuhn)

Leicht in die Hand zu nehmen: Apfelstückchen

Noch sinnvoller ist – natürlich – frisches Obst, regional produziert, in Bio-Qualität, das die Erwachsenen selbst entsprechend zubereiten. Man kann es schälen, in Stücke schneiden, fein reiben oder pürieren – je nach Geschmack und Angebot.

Woher regionales Bio-Obst beziehen? In vielen Städten gibt es Öko-Anbieter, die die Ware sogar ins Haus liefern. In München und der Region gibt es z.B. die Tagwerk Ökokiste oder die  Ökokiste. Dazu kommen die Bauernmärkte, ebenfalls mit einem großen regionalen Öko-Angebot. Nicht zu vergessen viele Bio-Lebensmittelläden, die regionales Obst und Gemüse anbieten.

Schorly-Fruchtschorle im Plastik-Quetschbeutel (Foto: Birgit Kuhn)

Schorly-Fruchtschorle in der Plastik-Quetschtüte

Meine Hoffnung, dass sich gesunde und preiswerte Alternativen zur Quetschtüte durchsetzen, ist im Moment gering. Bei meinem Rundgang durch einen Supermarkt habe ich in der Getränke-Abteilung ein Produkt gefunden, das sich an ehemalige Quetschie-Konsumenten wendet: Schorly. Schorly ist eine Fruchtschorle, die zu 75 Prozent aus einem Bio-Fruchtsaft-Gemisch und zu 25 Prozent aus Wasser besteht. Das Getränk ist – entsprechend den „Quetschies“ in einen undurchsichtigen Folienbeutel abgefüllt und hat ebenfalls ein Mundstück zum Trinken. 89 Cent pro Beutel kostet der „Spaß“ – das ideale Produkt für alle, die bequem gesund leben und nebenbei viel umweltschädlichen Müll produzieren (wollen)!

(Text und Fotos: Birgit Kuhn)

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6 Kommentare

  1. Es gibt die Teile auch zum selbst befüllen, da würde man wenigstens den Müll nicht produzieren. Breidabei heißen sie, kennt die jemand?

    • kuhn

      Ehrlich gesagt, überzeugt mich das Konzept von breidabei nicht. Nur der Umweltschutzaspekt – es fällt weniger Müll an, da die Beutel wiederverwendbar sind – ist ein wenig besser als bei den Wegwerf-Quetschies, sonst sehe ich keine Vorteile. Schade! Trotzdem vielen Dank für den Kommentar!

  2. Also es ist einfach nur ärgerlich! So viel Zucker drinnen, schädlich für die Zähne, für die Umwelt und die Kinder und die Eltern Haufen es trotzdem. Es gibt immer mehr und mehr im Geschäft, wenn ich zwei Jahre zurück denke war das Angebot damals nicht so riessig. Bitte Leute überlegen sie ein bisschen und kauft diese Dinge nicht. Wenn die Nachfrage nicht da ist, wird es hoffentlich auch nimmer produziert! Echt passender Artikel.

  3. Was ein Schwachsinn! Wenn das Kind Alaskaseelachs mit Kartoffeln von Hipp ist erkennt sie auch keinen Fisch. Im Obstgläschen kann es die Banane auch nicht erkennen.

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