Impulse für die Pflanzenheilkunde durch Klostermedizin?

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In der Klostermedizin des Mittelalters spielt die Pflanzenheilkunde eine zentrale Rolle. Die Forschergruppe Klostermedizin in Würzburg sammelt und wertet dieses medizinische Wissen der Klostermedizin im Rahmen einer pharmazie- und medizinhistorischen Grundlagenforschung wissenschaftlich aus. Dr. Sofia Delgado und Birgit Kuhn, die Gründerinnen von muenchen-querbeet.de, haben Dr. Johannes G. Mayer über seine Forschergruppe und die Klostermedizin interviewt.

M-Q: Ihr Studienkreis hat den Spitzwegerich zur Pflanze des Jahres 2014 gewählt . Was zeichnet die Pflanze besonders aus?

JGM: Der Spitzwegerich ist als Arzneipflanze nicht sehr bekannt. Die Blätter der Pflanze besitzen Iridoidglykoside wie Aucubin und Catalpol, die eine antibakterielle Wirkung zeigen, sowie Schleimstoffe (Polysaccharide), die reizmildernde Effekte besitzen. Sie bilden eine Art schützenden Film über die Schleimhaut in Mund und Rachen. Damit kann der Spitzwegerich lästigen Hustenreiz mindern. Hinzu kommen Gerbstoffe, die mit 6,5 % Anteil die größte Inhaltsstoffgruppe bilden. Sie wirken zusammenziehend (adstringierend) und blutstillend und stabilisieren die Schleimhäute. Spitzwegerichblätter eignen sich deshalb sehr gut bei Hustenreiz, in der Wundbehandlung und nicht zuletzt bei Insektenstichen.

Foto: Mayer

Arzneipflanze des Jahres 2014 – Spitzwegerich

M-Q: In der Forschergruppe Klostermedizin analysiert ein interdisziplinäres Team aus Medizinern, Pharmazeuten, Biologen und Chemikern die Heilpflanzen der Klostermedizin. Was sind die besonderen Herausforderungen dieser Arbeit?

JGM: Es sind mehrere große Aufgaben zu bewältigen. Zum einen die Texte aus verschiedenen Altsprachen systematisch zu sichten: vor allem griechische, lateinisch und arabische, aber auch deutsche Texte des Mittelalters zu erfassen, z.B. über Register und eine Datenbank. Es geht um die Frage: Welche Pflanzen wurden damals für welche Erkrankungen eingesetzt und wie. Dazu ist vor allem eine Identifikation der Pflanzen aber auch der Erkrankungen notwendig, denn es gab noch keine festgelegte botanische Nomenklatur für die Pflanzenwelt und die Krankheitsbilder waren ganz wesentlich undifferenzierter als heute.

M-Q: Welches Potenzial steckt in den mittelalterlichen Texten zur Klostermedizin? Rechnen Sie damit, dass aus Ihrer Arbeit neue Medikamente hervorgehen werden? Oder gibt es schon konkrete Ergebnisse?

JGM: Zuerst geht es darum, herauszufinden und zu beschreiben, wie die Medizin wirklich ausgesehen hat. Hierzu ist sehr viel Unsinn im Umlauf. Sicherlich hatten unsere Vorfahren eine sehr gute Beobachtungsgabe und haben viele Wirkungen von Arzneipflanzen erkannt, auch wenn ihnen in der Regel der Wirkungsmechanismus verborgen geblieben ist. Viele Anwendungen des Mittelalters sind in Vergessenheit geraten, hier gibt es viel Neues zu entdecken. Z.B. eine mögliche Wirkung von Salbei auf das Gehirn (Salbei galt u.a. als vorbeugendes Mittel gegen Schlaganfall). Eine der ganz großen Heilpflanzen der Klostermedizin war der Andorn (Marrubium vulgare), den selbst moderne Kräuterfrauen oft nicht mehr kennen, dabei ist er eine immer noch anerkannte Arzneipflanze. Wir hoffen auf eine Wiederentdeckung, bei Magenbeschwerden und Husten.

M-Q: Klostermedizin ist ein Kulturerbe. Erst im vergangenen Jahr ist das Lorscher Arzneibuch zum Weltdokumentenerbe ernannt worden. Welche Rolle spielen Methoden und Präparate der Klostermedizin aktuell in der Medizin?

Foto: Mayer

Arzneibuch

JGM: In der aktuellen Schulmedizin spielen Methoden und Präparate der Klostermedizin ganz allgemein gesprochen keine Rolle. Bei seltenen Speicher-Erkrankungen wird jedoch auch heute noch zur Ader gelassen, weil dies die einzige wirkungsvolle Therapiemöglichkeit darstellt. Bei Erkrankungen der Atemwege und des Magen-Darm-Traktes, sowie der Leber, werden in vielen Fällen noch dieselben Pflanzen eingesetzt wie damals, allerdings wissen die meisten Ärzte nur sehr wenig über Pflanzenheilkunde.

M-Q: Die moderne, so genannte Schulmedizin hat ihre Wurzeln in der Klostermedizin. Viele Anhänger der Klostermedizin betrachten die Methoden und Therapien der Klostermedizin eher als ein Angebot der Alternativmedizin. Wie sehen Sie das?

JGM: Die Klostermedizin war die Schulmedizin des frühen und hohen Mittelalters (etwa 8.-12. Jh.). Im 13. Jh. ging sie in die akademische Medizin über, d.h. Medizin wurde jetzt an Universitäten gelehrt und weiterentwickelt, nicht mehr im Kloster. Die moderne Schulmedizin ist wiederum aus einem radikalen Wandel zur Mitte des 19. Jahrhunderts hervorgegangen. Immer bestand jedoch der Anspruch, naturwissenschaftlich und nachvollziehbar zu handeln – auch Hildegard von Bingen hat ihre Rezepte aus ihrer wissenschaftlichen Sicht zu erklären versucht. Die Klostermedizin geht auch – anders als etwa die Homöopathie – von denselben aus, wie die Schulmedizin; auch wenn wir heute noch viel mehr Erkrankungen kennen als im Mittelalter. Es gibt also keine grundsätzlichen Widersprüche zwischen Schul- und Klostermedizin.

M-Q: Sie verfügen über eine Datenbank mittelalterlicher Heilpflanzen. Wie viele Pflanzen kommen darin vor? Gibt es weltweit vergleichbare Datenbanken?

JGM: Die Datenbank umfasst etwas mehr als 600 Pflanzenarten und dürfte ziemlich einmalig sein.

M-Q: Ein großer Teil des medizinischen Wissens im frühen Mittelalter stammt aus dem fernen Osten, etwa von dem islamischen Arzt und Gelehrten Avicenna (um 980 bis 1037 n.Chr.). Gibt es neben Hildegard von Bingen als bekannteste Vertreterin in Deutschland, überhaupt so etwas wie eine „europäische Tradition“ der Klostermedizin?

JGM: Man muss in der Klostermedizin sehr stark zwischen zwei Phasen unterscheiden; die 1. Phase (8.-10. Jh.) war rein europäisch geprägt; Vorbilder waren vor allem der Römer Plinius der Ältere und die griechischen Ärzte Dioskurides und Galen von Pergamon. Erst in der 2. Phase (11.-12. Jh.) beginnt die intensivere Auseinandersetzung mit den arabischsprachigen medizinischen Schriften. Die Werke des Ibn Sina (Avicenna) wurden übrigens zu einem Zeitpunkt (um 1170) ins Lateinische übersetzt, als sich das Zeitalter der Klostermedizin dem Ende entgegen neigte. Aber auch Avicenna und die anderen Ärzte der arabischsprachigen Welt (viele –wie Avicenna – waren keine Araber) hatten ihr Wissen ganz vornehmlich von Dioskurides und Galen von Pergamon. Es wird sehr oft übersehen, dass es gar keine wesentlichen Unterschiede zwischen der arabischen und der europäischen Medizin gab. Die Araber besaßen nur erheblich mehr Übersetzungen der griechischen Ärzte der Antike als die Europäer im frühen Mittelalter.

M-Q: In der Klostermedizin haben Wildpflanzen eine große Rolle gespielt. Wie sieht das heute, in der modernen Klostermedizin aus? Und was passiert mit gefährdeten Wildarten?

JGM: Auch heute spielen Wildpflanzen eine große Rolle, denn manche Arzneipflanzen lassen sich gar nicht richtig kultivieren, bei anderen haben die Wildpflanzen einen höheren Gehalt an Inhaltsstoffen. Zwei Probleme sind hier zu beachten, zum einen brauchte es kompetente Sammler, welche die Pflanzen wirklich kennen, zum anderen muss die Sammlung nachhaltig sein; das war und ist nicht überall der Fall. Auch hier ist wiederum das Wissen des Sammlers gefragt. Das größte Problem der Wildsammlung heute besteht darin, dass die Sammlerinnen sehr schlecht bezahlt werden, deshalb sind hier geeignete Personen nur schwer zu finden. Große Sorge würde mir das massenhafte Sammeln von Unkundigen machen.

M-Q: Worin unterscheiden sich Wildpflanzen und ihre gezüchteten Varianten voneinander?

JGM: Eine generelle Antwort auf diese Frage ist nicht möglich. Eine gelungene Züchtung bringt in der Regel einen wesentlich höheren Ertrag (kommt es auf die Blüten an, wie bei Kamille, so haben die Pflanzen wesentlich mehr Blüten als die wilden Formen), außerdem haben sie auch einen höheren Gehalt an den entscheidenden Wirkstoffen. Deshalb sind in der Regel kultivierte Varianten den wilden Formen für die Arzneimittelherstellung (und sei es nur für den Tee) überlegen. Das gelingt aber bei weitem nicht bei jeder Pflanzenart, so ist z.B. das Süßholz aus Wildsammlung deutlich besser als das Angebaute.

M-Q: Sind in der Vergangenheit Wildpflanzen zum Zwecke der Medizin auch ausgerottet worden?

JGM: Mir ist keine Pflanzenart bekannt, die aufgrund der Sammlung für die Medizin völlig ausgerottet wurde. Um die Arnica montana war es Mitte des 19. Jahrhunderts ganz schlecht bestellt, bis ein entsprechender Schutz durchgesetzt wurde. Ihre Bestände in Mitteleuropa haben sich bis heute nicht richtig erholt.

M-Q: Gibt es Heilmittel und Methoden in der traditionellen Klostermedizin, die heute als widerlegt und überholt gelten? Können Sie uns ein Beispiel nennen?

JGM: Ja das gibt es wirklich: so galt der Dill in der mittelalterlichen Klostermedizin als ein wichtiges Schlaf- und Beruhigungsmittel. Das ist zwar nicht wirklich widerlegt, aber wir haben sicher besser geeignete Arzneipflanzen, wie Baldrian, Hopfen, Passionsblume etc. Beispiele dieser Art gibt es zahlreiche – auf völligen Unsinn stößt man allerdings erstaunlich selten.

M-Q: Ihre Einrichtung bietet auch Ausbildungskurse in Klostermedizin und Phytotherapie an. Wie groß ist die Nachfrage, nach solchen Ausbildungsplätzen?

JGM: Die Kurse sind seit 2012 jedes Mal völlig ausgebucht.

M-Q: Welche Rolle spielt der biologische Anbau von Heilpflanzen in der heutigen Klostermedizin?

JGM: Da die Toleranzwerte für Pflanzengifte, Umweltgifte etc. bei Arzneipflanzen sehr niedrig sind und diese Werte permanent kontrolliert werden, empfiehlt sich geradezu der biologische Anbau, absolut erforderlich ist er jedoch für die Arzneimittelqualität nicht.

Vielen Dank für das Interview!

Kurzportrait Dr. Johannes Gottfried Mayer

Dr. Johannes Gottfried Mayer, geboren 1953 in Nürnberg, studierte Literatur, Geschichte, Sozialkunde und Philosophie in Würzburg und Eichstätt. Er arbeitete in der Fachprosaforschung des Mittelalters, ab 1984 auch in der Medizingeschichte. Seit 1994 liegt sein Forschungsschwerpunkt auf der Geschichte der Arzneipflanzen in Europa bis hin zur modernen Phytotherapie. Er ist Gründungsmittglied der „Forschergruppe Klostermedizin“ (1999) und seit 2009 deren Leiter, daneben Sprecher des „Studienkreises zur Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“, ein Gremium, das u.a. seit 1999 die Arzneipflanze des Jahres wählt. Er hat mehrere Sachbücher zur Pflanzenheilkunde verfasst und war als Mitherausgeber von Sammelbänden zur Literatur und Medizin des Mittelalters tätig. Darüber hinaus hat er an zahlreichen Rundfunk- und Fernsehsendungen mitgewirkt, z.B. an drei Filmen der ZDF-Reihe Terra-X: „Die Ärzte der Kalifen“, „Morgenländische Medizin“ und „Hildegard von Bingen“. ©Fotos: Dr. Johannes Gottfried Mayer

Mozartstraße 1 97074 Würzburg Telefon: 0931 / 83264

Email: mayer@klostermedizin.de
johannes.mayer@mail.uni-wuerzburg.de

Web:    http://www.klostermedizin.de
http://www.welterbe-klostermedizin.de

Facebook: http://www.facebook.com/klostermedizin

Das große Buch der Klosterheilkunde von Dr. Johannes Gottfried Mayer hier direkt bestellen:

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1 Kommentar

  1. Oliver Lobschat am

    Das mit dem Spitzwegerich kann ich nur bestätigen, wirkt bei Husten wunderbar lindernd 🙂 Leuten, die sich für Phytotherapie interessieren bzw. mal schauen wollen, wo und wie Heilpflanzen überall eingesetzt werden können, kann ich den „Leitfaden Phytotherapie“ von Heinz Schilcher empfehlen – mit 90 Euro ziemlich teuer, aber sehr informativ (kann man sicher auch in größeren Büchereien ausleihen). Da kann man dann erahnen, wieviel unsere Vorfahren in diesem Bereich schon wußten.

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