Naturindianer München: Bildung zur nachhaltigen Entwicklung

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Umweltbildung für Kinder im Naturinidaner-Tipi (Foto: Dominique Pauli)Die Welt, in der unsere Kinder aufwachsen, ist hoch technisiert und wird immer mehr durch das Bild eines starken Medienkonsums geprägt. Technik und Medien sind das Gegenteil von Natur und ökologischer Umwelt.
Wie kann in unserer heutigen Zeit Bildung für eine nachhaltige Entwicklung sowie ein nachhaltiges Denken und Handeln bei Kindern vermittelt werden?

Sofia Delgado, Mitbegründerin von muenchen-querbeet.de, interviewte Dominique Pauli, Biologin und Leiterin von ökologischen Feriencamps und Projekten im Rahmen einer Bildung zur nachhaltigen Entwicklung. Sie ist Campleiterin bei den Naturindianer-Kids und führte als Projektleiterin schon mehrfach Umweltbildungs-Projekte für Jugendliche und Erwachsene bei der „Umweltstation Ebersberger Forst“ durch.

Dominique Pauli, Naturindianer München (Foto: Privat)M-Q: Frau Pauli, Sie arbeiten viel mit Kindern zusammen. Welche Defizite fallen Ihnen bei Grundschulkindern und Teenagern auf?

Pauli: Ich möchte vorwegschicken, dass ich hier nicht Pauschalisieren möchte. Die Kinder und Jugendlichen, die ich erlebe, sind entsprechend ihres Alters, Herkunft, Erfahrungen, Wissen und Kompetenzen sehr unterschiedlich. Ich beobachte, dass Kindern ganz oft einfach der natürliche Zugang zur Natur fehlt. Dies zeigt sich z.B. in Ekelgefühlen bei der Begegnung mit Tieren, obwohl bei Nachfragen über keine konkreten eigenen Vorerfahrungen berichtet wird. Auch das in der Schule erworbene Faktenwissen ist für viele Kinder nicht automatisch in der Natur anwendbar. Ihnen ist einfach der Transfer nicht möglich. Oder der sichere, verantwortungsbewusste Umgang mit Werkzeug, Feuer, das Einschätzen von Gefahren, Auswirkungen bzw. Konsequenzen des eigenen Handels auf andere und die Umwelt sind Themen, bei denen vielfach ein Lernbedarf da ist.

M-Q: Haben Ihrer Meinung nach die heutigen Kinder noch einen richtigen Bezug zur Natur und dem ökologischen Kreislauf des Lebens?

Pauli: Das ist schwer zu sagen. Was ist der „richtige“ Bezug? War er früher vorhanden?
Sicher ist, dass für viele Kinder heute der einfache Zugang und der Aufenthalt in der Natur seltener geworden ist. Das gilt für Land- und Stadtkinder gleichermaßen. Ihre Freizeitgestaltung ist sehr viel geplanter, zweck- und ergebnis-orientierter. Leistungen und schulisches Fortkommen der Jüngsten haben heute bei Eltern vielfach einen ganz anderen Stellenwert als früher. Zeit wird hier schon ein knappes Gut. Einfach nur Zeit haben zum Entdecken, Selbstgestalten und Erleben mit wirklich allen Sinnen, ohne Vorgaben, Raum zum austoben – das ist vielen Kindern heute nicht mehr möglich. Ich glaube, dass das persönliche Erleben seinerselbst in der Natur und seiner Umwelt die prägende Basis für ein verantwortungsbewusstes Handeln ist. Wie heißt es so schön. „ich schätze das was ich kenne“. Wertschätzung kann ein Schlüssel zum nachhaltigen Handeln sein.

M-Q: Welchen Stellenwert hat nachhaltige Bildung in der heutigen Zeit für unsere Kinder?

Pauli: In erster Linie geht es darum den Kindern und Jugendlichen sogenannte „Schlüsselkompetenzen“ für eine persönliche Lebensgestaltung und eine aktive Partizipation in der Gesellschaft und am Arbeitsmarkt zu vermitteln. Basierend auf einen ganzheitlichen Kompetenzbegriff lassen sie sich in drei Kategorien von anforderungs- und handlungsorientierten Schlüsselkompetenzen einordnen:

  • Interagieren in sozial heterogenen Gruppen
  • autonomes Handeln
  • interaktive Nutzung von Medien und Tools.

Die Erlangung von Gestaltungs- bzw. Schlüsselkompetenzen sind teilweise lern- und vermittelbar. Sie werden durch Handeln und Interaktionen entwickelt. Hier bietet sich eine Schnittstelle zwischen drei Bildungsarten: Bildung im Sinne der Didaktik, der Persönlichkeit und der Umwelt. Und hier beginnt die Umweltbildung im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

So können Kinder z.B. im Feriencamp mit anderen Kindern in der Natur lernen: Mein Handeln hat Konsequenzen. Nicht nur für mich und mein direktes Umfeld (Natur, Umwelt), sondern auch für andere. Im weiteren Sinn: Ich kann etwas tun, um die Welt ein Stück zu verändern. Ich habe auch Vorbildfunktion durch mein Handeln.

M-Q: Wo sehen Sie die Defizite in unserer Gesellschaft in Bezug auf nachhaltige Bildung?

Pauli: In der mangelnden Vorbildfunktion unserer Gesellschaft für unsere Kinder und Jugendliche. In den vergangenen 20 bis 30 Jahren wurden vielfach Strukturen im Alltag geschaffen, um umweltbewusstes Handeln auf breiter Basis zu ermöglichen. Heute werden Worte wie Öko, Nachhaltigkeit, Bildung in einem Atemzug genannt. Und dennoch, wenn sich nichts an der gelebten Grundeinstellung („immer mehr, noch schneller, noch billiger, Hauptsache ich, ….“) unserer Gesellschaft und der profitorientierten, gewinnmaximierenden Wirtschaft ändert, so bleiben wir unglaubwürdig. Wir alle, der Mensch auf der Straße, Regierungen, Organisationen und Unternehmen müssen Nachhaltigkeit lernen und umsetzen.

Ein kritisches Denken und Verhalten ist dringend notwendig, um Veränderungen anzustoßen und drängende globale Probleme wie den Raubbau an der Natur oder die ungleiche Verteilung von Reichtum anzugehen.

M-Q: Müsste das Schulsystem ihrer Meinung nach noch mehr in diese Richtung lehren?

Kind mit Schnecke - Umweltbildung bei den Naturinidianern (Foto: Dominique Pauli)Pauli: Es wäre sicherlich wünschenswert, dass neben reinem Faktenwissen vermehrt auf die Folgen unseres menschlichen Handels hingewiesen wird. Hier gibt es genügend klassische Schulfächer wie Geschichte, Biologie, Erdkunde, Wirtschaft, Sozialkunde um nur einige zu nennen, bei denen dies möglich wäre. Um Wissen und umweltrelevantes Verhalten nachhaltig zu verankern, sollte man die reine Theorieebene verlassen und dies über eigenes praktisches Tun und Erleben, z.B. in fächerübergreifenden Projekten, erfahrbar machen. Projekte im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung können hier unterstützend wirken. Sie vermitteln Wissen und Kompetenzen z.B. über:

  • globale Zusammenhänge und Herausforderungen wie den Klimawandel oder globale Gerechtigkeit
  • die komplexen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Ursachen dieser Probleme
  • Wissen über nachhaltige Entwicklung anwenden und Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung erkennen zu können.

Schulen können dies aufgrund von Ressourcenproblemen sicherlich nicht alleine stemmen. Aber hier bietet sich die Möglichkeit mit Kooperationspartnern z.B. Umweltbildungseinrichtungen wie die naturindianer München zusammenzuarbeiten.

M-Q: Wie sieht es mit der Verantwortung der Eltern aus?

Pauli: Ich möchte hier nur auf die Vorbildfunktion hinweisen. Eltern sind die ersten Vorbilder im Leben ihrer Kinder. Kinder lernen bewusst und unbewusst: Wie bewege ich mich in dieser Welt? Wie verhalte ich mich? Was ist richtig oder falsch? ….

M-Q: Was ist für Sie eine gute Vorbildfunktion? Was können Eltern tun?

Pauli: Für mich persönlich ist eine gute Vorbildfunktion: Das vorzuleben woran ich glaube, allen Lebewesen mit Achtung und Respekt begegnen. Leid dort vermeiden, wo es mir möglich ist.

Was Eltern tun können? Das glaube ich, muss jeder für sich selber beantworten. Hier gibt es keine Musterlösung. Ich wünsche mir von den Eltern, dass sie bei ihren Kindern die Neugierde auf diese Welt, die Lust zu Entdecken und einen kritischen Verstand fördern.

M-Q: Was genau lehren Sie den Kindern in den Camps, in denen Sie Ferienbetreuerin sind?

Pauli: Die Feriencamps sind so gestaltet, dass ein Indianer-Tipi als fester Standort und Versammlungsort dient, wir uns aber während der ganzen Woche tagsüber draußen in der Natur aufhalten, bei jedem Wetter. Über Aktionen wie Feuermachen, selbstständige Essensvor- und -zubereitung über offenen Feuer, Pflanzenquiz, Becherlupensafaris, Aktionen zu Wasser und Boden oder Pfeil- und Bogenbau können die Kinder viel Neues aktiv erleben, Techniken erlernen und ihr Wissen einbringen und anwenden. Ich biete den Kindern Raum und Zeit. Für mich ist „Lehren“ die Kunst entdecken zu helfen. In den Feriencamps haben die Kinder die Möglichkeit des aktiven Erlebens, gemeinsames Arbeiten in der Gruppe und Partizipation bei Entscheidungen die unser gemeinsames Leben während der Campdauer angeht.

M-Q: Haben Sie das Gefühl, die Kinder werden für diese Themen durch ihre Veranstaltungen sensibilisiert?

Blatt mit Kleintieren - Umweltbildung bei den Naturindianern (Foto: Dominique Pauli)Pauli: Vielfach ja. Es zeigt sich oft bei Nachfragen, dass sie bereits viel wissen oder etwas gelernt haben. Doch der nächste Schritt das Verhalten entsprechend anzupassen, setzt Bewusstsein und Achtsamkeit voraus, welches einfach geübt werden muss.

M-Q: Was würden Sie sich für die Zukunft in Bezug auf die Bildung nachhaltiger Entwicklung bei unseren Kindern wünschen?

Pauli: Das unsere Kinder sich zu selbstbewussten, kritischen und achtsamen Menschen entwickeln, die für sich und ihre Handlungen Verantwortung übernehmen und erkennen, dass wir auf diesem Planeten nur gemeinsam mit der Natur überleben. Und das eigene Wohlergehen von dem anderer nicht zu trennen und durch das eigene (Konsum-) Verhalten beeinflussbar ist.

Vielen Dank für das Interview!

(Fotos: Dominique Pauli)

Information und Kontakt:
naturindianer
Olly Fritsch
Kellerstr. 41
81667 München
Tel: +49 (0) 89 – 6797 1508
Fax: +49 (0) 89 – 6797 1506
service(at)naturindianer.de
http://naturindianer.de

Information und Kontakt:
(Umweltstation Ebersberg)
Stadt Ebersberg
Museum Wald und Umwelt
Marienplatz 1
85560 Ebersberg

Tel. 08092 – 82 55 52
Fax 08092 – 82 55 99
e-Mail: mwu@ebersberg.de
Internet: www.museumwaldundumwelt.de

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