Nähstube für Flüchtlinge in der Lernwerkstatt

0

Flüchtlinge qualifizieren und nebenbei Stoffreste und andere Handarbeits-Utensilien wieder verwenden – das ist das Ziel der Nähstube, die Agnes Maria Forsthofer, die Gründerin und Leiterin des Linkshänder e.V. und der Münchener KulturVERSTRICKUNGEN, in der Bayernkaserne eingerichtet hat. Wie ist das Projekt angelaufen, was sind seine Ziele und wie sind die ersten Erfahrungen? Wir waren am Tag der offenen Tür in der Lernwerkstatt in der Halle 36 in der Bayernkaserne und haben mit Agnes Maria Forsthofer, ihrer Mitarbeiterin, die die Flüchtlinge beim Nähen anleitet, und einigen NäherInnen gesprochen.

Dr. Uta Brönstrup (li.) und Agnes Maria Forsthofer von den KulturVERSTRICKUNGEN in der Nähstube der Lernwerkstatt

Dr. Uta Brönstrup (li.) und Agnes Maria Forsthofer (re.) von den KulturVERSTRICKUNGEN in der Nähstube der Lernwerkstatt

M-Q: Wie ist es zur Gründung der Nähstube gekommen?
Agnes Maria Forsthofer: Die KulturVERSTRICKUNGEN sind inzwischen an vielen Flüchtlingsunterkünften aktiv, z.B. in der McGraw-Kaserne und einigen weiteren. Vor einigen Wochen bin ich von der Lernwerkstatt in der Bayernkaserne darauf angesprochen worden, ob ich nicht im Rahmen der KulturVERSTRICKUNGEN eine Nähstube betreiben möchte. Anfangs gab es in der Lernwerkstatt nur Kurse für Berufe, die traditionell Männerberufe sind. Da macht es Sinn, ein Angebot zu schaffen, das sich vor allem an Frauen und Mädchen richtet, wie etwa Nähen bzw. Schneidern oder generell das Handarbeiten. Dabei ist das Schneidern eigentlich gar kein „echter“ Frauenberuf – in vielen Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen, gibt es mindestens genauso viele Schneider wie Schneiderinnen! Mit der Nähstube bieten wir damit ein Projekt, das Männer wie Frauen anspricht, was ich sehr gut finde. Seit  3 Wochen gibt es nun die Nähstube in der Lernwerkstatt; der erste Nähkurs ist bereits abgeschlossen.

M-Q: Was bietet die Lernwerkstatt in der Bayernkaserne?
Agnes Maria Forsthofer: In der Lernwerkstatt, die in der Halle 36 untergebracht ist, können junge Flüchtlinge, die in Gemeinschaftsunterkünften in München und der Region leben, in verschiedene Handwerksberufe „hineinschnuppern“. Aktuell können Flüchtlinge Kurse im Bereich  Elektrotechnik, Heizung/ Sanitär, Schreiner, Maler, Trockenbau und Nähen bzw. Handarbeiten machen.

M-Q: Wie ist das Projekt Nähstube angelaufen?
Agnes Maria Forsthofer: Sehr gut, der erste Kurs ist bereits abgeschlossen! Und wir haben viele Bewerbungen für weitere Kurse! Leider können wir längst nicht alle Bewerber mit einem Kurs versorgen, das finde ich sehr schade!

Nähen lernen in der Nähstube der Lernwerkstatt

Nähen lernen in der Nähstube der Lernwerkstatt

M-Q: Wie können sich Flüchtlinge für einen Kurs in der Lernwerkstatt anmelden?
Agnes Maria Forsthofer: Wer gerne einen Nähkurs oder einen anderen Kurs besuchen möchte, muss sich persönlich im Büro der Lernwerkstatt vorstellen und anmelden. Anrufen oder eine E-Mail schicken reicht nicht; die Leiter bzw. Mitarbeiter der Lernwerkstatt-Angebote möchten die Teilnehmer persönlich kennen lernen. Dazu kommt, dass die Flüchtlinge den Anfahrtsweg zur Lernwerkstatt kennen lernen, wenn sie zu uns kommen und sich vorstellen und die Einrichtung sehen, bevor sie hier zu arbeiten anfangen.

M-Q: Wer kann sich bei der Lernwerkstatt für einen Nähkurs anmelden?
Agnes Maria Forsthofer: Jede und jeder Geflüchtete, die bzw. der in einer Gemeinschaftsunterkunft in München untergebracht ist und sich für den Beruf des Schneiders oder der Schneiderin interessiert. Es sollte außerdem gesichert sein, dass der Kurs-Teilnehmer bzw. die Teilnehmerin eine Fahrkarte für den MVV zur Verfügung hat!

M-Q: Wie ist der Nähkurs in der Lernwerkstatt-Näherei organisiert?
Agnes Maria Forsthofer: Zunächst einmal ist es so, dass wir feste Arbeitszeiten haben. Der Kurs dauert zwei Wochen und geht von Montag bis Freitag, jeweils von 9 bis 12 und von 13 bis 16 Uhr. Insgesamt sind das zehn Arbeitstage. Die Teilnehmer haben eine Stunde Mittagspause, in der sie sich selbst verpflegen müssen. Pünktlichkeit und gute Arbeit sind uns sehr wichtig, schließlich wollen dazu beitragen, dass unsere Teilnehmer fit für den Arbeitsmarkt werden. Dazu gehört, dass sie sich an einen Arbeitsrhythmus und an gewisse Routinen (wieder) gewöhnen. Gleichzeitig wollen wir ihr Selbstwertgefühl stärken und ihnen Selbstbewusstsein vermitteln. Die Teilnehmer sind in der Regel mit viel Eifer bei der Sache – es macht wirklich viel Freude, sie anzuleiten! Das Mitmachen lohnt sich: Nach dem Kurs erhalten sie eine Bescheinigung über den Kurs „Nähen für Anfänger“. Und sie haben etwas für´s Leben gelernt, nämlich u.a. wie man Kleidung in Ordnung hält bzw. repariert.

Die Qualität der Stücke wird genau geprüft.

Die Qualität der Stücke wird genau geprüft.

M-Q: Was genau lernen und machen die Teilnehmer in der Lernwerkstatt-Nähstube?
Agnes Maria Forsthofer: Uns geht es in der Nähstube um Grundkenntnisse im Nähen – mit allem, was dazu gehört, wie z.B. der Umgang mit einer mechanischen Nähmaschine und das Arbeiten mit einer elektrischen Nähmaschine. Dass man mit einer elektrischen Nähmaschine arbeitet, ist für einige unserer Teilnehmer nicht selbstverständlich, sie beginnen mit der mechanischen Nähmaschine und steigen dann um auf die elektrische Nähmaschine. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin leitet die Teilnehmer der Nähstube mit viel pädagogischem Geschick an. In der Nähstube nähen die Kursteilnehmer Teile, die verhältnismäßig leicht herzustellen sind, z.B. Topflappen, Schürzen mit Taschen, Stoffbeutel, japanische Taschen u.v.m. Aktuell lernen sie, wie man einen Reißverschluss einnäht; wir nähen gerade kleine Taschen. Bei allem, was hier entsteht, achten wir auf Qualität: Die Produkte müssen „ordentlich“ genäht sein, Mängelexemplare gibt es bei uns nicht!
Es wird aber nicht immer nur Neues produziert. Nebenbei kommt es immer wieder vor, dass die Teilnehmer Kleidung für sich selbst, Verwandte, Freunde oder KollegInnen aus der Nähstube reparieren; da sind wir natürlich auch gerne behilflich.

In der Nähstube lernen Flüchtlinge die Basics rund um das Nähen

M-Q: Was passiert mit den Teilen, die in der Nähstube hergestellt werden?
Agnes Maria Forsthofer: Grundsätzlich ist es so, dass unsere Teilnehmer nach Möglichkeit immer zwei Exemplare von einem Stück anfertigen. Also nicht nur eine Schürze in einem Design nähen, sondern zwei Schürzen. Ein Exemplar bekommen der Teilnehmer bzw. die Teilnehmerin, ein Exemplar bleibt in der Nähwerkstatt und kann bei uns gekauft bzw. gegen eine Spende erworben werden.

M-Q: Wo kann man die Produkte der Nähwerkstatt kaufen und wie viel kosten sie?
Agnes Maria Forsthofer: Am Isarinselfest Anfang September haben wir auch ein Standl.  Im letzten Jahr haben wir unsere Produkte, die im Rahmen der KulturVERSTRICKUNGEN entstanden sind, auf öffentlichen Veranstaltungen in München, z.B. auf einem Stand am Weihnachtsmarkt am Chinesischen Turm zum Kauf angeboten. Auch in diesem Jahr wird das wieder sein. In Kürze möchten wir den Verkauf professionell gestalten: Wir werden unsere Produkte auf einschlägigen Kreativ-Marktplätzen im Internet anbieten, z.B. auf www.etsy.com oder www.dawanda.com.

M-Q: Wie viele Flüchtlinge lernen in einem Kurs in der Nähstube das Nähen?
Agnes Maria Forsthofer: Wir haben aktuell Plätze für fünf TeilnehmerInnen. Im ersten Kurs waren drei Männer und zwei Frauen im Alter von etwa 18 bis 35 Jahren. Manche haben keine Vorkenntnisse, einige können ein wenig nähen. Im jetzigen Kurs ist ein Teilnehmer, der in seinem Heimatland in Afrika bereits als Schneider gearbeitet hat. Meine Erfahrung ist: Wer früher in dem Beruf tätig war, freut sich sehr, wenn er wieder an seine frühere Arbeit anknüpfen kann!

M-Q: Woher stammen die Materialien und Nähmaschinen, mit denen Sie bzw. die Flüchtlinge in der Nähstube arbeiten?
Agnes Maria Forsthofer: Wir bekommen zum Glück viel gespendet, die Nähmaschinen und viele Stoffe sind Spenden, teils von Firmen, teils von Privatleuten. Dennoch müssen wir einiges zukaufen, z.B. Nähnadeln für die elektrischen Nähmaschinen.

M-Q: Was brauchen Sie am dringendsten für die Nähstube in der Lernwerkstatt?
Agnes Maria Forsthofer: Wir freuen uns sehr über Sachspenden – von Nähmaschinen, über Handarbeits-Utensilien wie z.B. Garne, Reißverschlüsse, Nähnadeln, Scheren, Stoffe, Wolle zum Stricken und Häkeln, Stricknadeln bis hin zu Nähnadeln u.v.m.
Stichwort Stoffe: Hier haben wir immer Bedarf! Wer etwas spenden möchte, kann gerne seinen Wäscheschrank durchforsten – alte Tischdecken, Vorhänge oder Bettwäsche, die wir im Sinn des Recyclings und Upcyclings zu neuen, langlebigen Produkten umarbeiten, sind ideal! Gerne nehmen wir auch Wollreste und Stoffreste an.

Hilfreich sind natürlich auch Geldspenden für unseren Verein, die KulturVERSTRICKUNGEN, da wir ja auch immer wieder Material zukaufen müssen. Für die KulturVERSTRICKUNGEN e.V. haben wir die Gemeinnützigkeit beantragt und warten nur noch auf den Bescheid der Anerkennung. Aktuell finanzieren wir unsere Arbeit fast ausschließlich über Spenden und den Verkauf unserer Produkte.

M-Q: Viele Leute wollen sich für Flüchtlinge engagieren. Brauchen Sie noch MitarbeiterInnen?
Agnes Maria Forsthofer: Aber sicher! Leider, leider ist es nun so, das ist meine Erfahrung, dass nach der  Flüchtlingswelle im vergangenen Jahr die Bereitschaft der Leute, sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren, sehr zurückgegangen ist. Dabei hat die Integrationsarbeit erst jetzt richtig angefangen!

Wir möchten langfristig etwas für Flüchtlinge tun und suchen für die Nähstube engagierte und kompetente HelferInnen, z.B.

  • Handwerksprofis, die unsere Nähmaschinen warten bzw. reparieren
  • Frauen und Männer, die gerne nähen, stricken oder häkeln und Handarbeits-AnfängerInnen gerne behilfich sind
  • Marketing-Fachleute bzw. -Studenten, die im Rahmen eines Studiums oder Praktikums Marketing-Konzepte erarbeiten und helfen, sie umzusetzen
  • GrafikerInnen, die uns helfen, neue Produkte zu entwerfen
  • Filmstudenten, die einen Imagefilm über uns und unsere Arbeit drehen…

Leider sind wir aufgrund der schlechten Finanzsituation auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen; doch auch hier soll sich langfristig etwas ändern. Ich wünsche mir, dass ich mit einer gesicherten Finanzierung unserer Flüchtlingsarbeit in der Nähstube einen „echten“ Arbeitsplatz für einen Mitarbeiter bzw. eine Mitarbeiterin einrichten kann.

Die Nähstube braucht Material und MitarbeiterInnen

M-Q: Wie soll es mit der Nähstube weitergehen, was sind Ihre Wünsche und Pläne?
Agnes Maria Forsthofer: Zunächst einmal wünsche ich mir mehr Kursplätze hier in der Lernwerkstatt. Die Nachfrage nach Handarbeitskursen bzw. nach dem Nähkurs ist viel größer als wir Plätze anbieten können. Für mehr Plätze brauchen wir jedoch auch mehr Material – Spenden sind jederzeit willkommen. Wir brauchen vor allem Helfer und Mitarbeiter. Ideal wäre, wenn wir im Zug der Vergrößerung der Nähstube einen Raum mit einer Kinderbetreuung einrichten könnten. Dann könnten wir noch mehr jungen Müttern bzw. jungen Eltern einen Kurs in der Nähstube ermöglichen.
Langfristig möchte ich noch gerne eine rollende Nähstube gründen. Mit der rollenden Nähstube möchte ich die Unterkünfte für Flüchtlinge in München besuchen und dort etwa einmal im Monat einen Handarbeitstag abhalten. Es sollen drei MitarbeiterInnen mitfahren, eine Person, die häkelt, eine Person, die strickt und eine Person, die näht.

Leicht verständlich: Nähanleitungen in mehreren Sprachen an der Wand

Leicht verständlich: Nähanleitungen in mehreren Sprachen an der Wand

M-Q: Sie engagieren sich sehr in der Flüchtlingsarbeit. Warum haben Sie bislang noch kein Projekt für Kinder und Jugendliche gestartet, die hier in München geboren sind und hier leben?
Agnes Maria Forsthofer: Sie haben recht, in München gibt es bislang noch kein Handarbeitsprojekt für Kinder und Jugendliche. Ich kenne mich gut in Obergiesing aus und weiß, dass es dort nur wenige Einrichtungen für Kinder und Jugendliche gibt. Sehr gerne möchte ich hier eine offene Näh- bzw. Handarbeitsstube einrichten, die (auch) Kinder- und Jugendliche besuchen können!

Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Information und Kontakt:

kulturverstrickungen-prospektKulturVERSTRICKUNGEN e.V.
Die Nähstube in der Lernwerkstatt / Bayern-Kaserne
Heidemannstraße 60

80939 München

Tel.: 089 – 3090704117

info@linkshaender-ev.de
info@kulturverstrickungen.de

www.linkshaender-ev.de
www.kulturverstrickungen.de

(Fotos: Birgit Kuhn)

Teilen.

Kommentar hinterlassen.