futureparty: Konsum ohne Reue

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futureparty®-Logo (Grafik: designhoheit)Nur die wenigsten wollen auf Konsum verzichten, doch immer mehr Menschen wird bewusst, dass zu viel Konsum sich zum Nachteil unserer globalen Ressourcen auswirkt. Was ist die Lösung? Konsum und industrielle Produktion in Balance mit der Regenerationskraft der Natur halten, sagt Frank Jirjis. Sofia Delgado und Birgit Kuhn, die Gründerinnen des Umweltblogs muenchen-querbeet.de, haben ihn zu „futureparty©“ befragt.

M-Q: Auf Ihrer Website versuchen Sie Ihr Konzept anhand zweier Graphiken zu erklären. Für den Betrachter ist nicht gleich klar, was Sie damit meinen. Können Sie es an dieser Stelle mit Worten versuchen?

futureparty®-Steuerung: Zusammenwirken der Akteure (Grafik: designhoheit)

futureparty®-Steuerung: Zusammenwirken der Akteure (Grafik: designhoheit)

Frank Jirjis: Sie haben Recht, denn die Bilder sollen eher neugierig machen und aufzeigen, welche Themenfelder futureparty© abdeckt.

Die Darstellung mit dem Kreislauf möchte verdeutlichen, dass die vier Hauptakteure Natur, Politik, Konsument und Industrie zusammenwirken sollen. Und dass dieses Zusammenwirken über Punktebudgets als Äquivalent für die Regenerationskraft der Natur gesteuert werden soll.

*) Leitwährung für ökologische Nachhaltigkeit: futureparty® greift mit Punkten als ökologische Währung in allen Industrien (Grafik: designhoheit)

*) Leitwährung für ökologische Nachhaltigkeit: futureparty® greift mit Punkten als ökologische Währung in allen Industrien (Grafik: designhoheit)

Die eher tabellarische Grafik möchte verdeutlichen, dass das Konzept die gleichen ökologischen Nachhaltigkeitsfelder industrieübergreifend betrachtet.

M-Q: Mit futureparty© propagieren Sie einen Konsum im Einklang mit der Regenerationskraft der Natur, einen Konsum ohne Reue. Ist es nicht so, dass jeglicher Konsum in die Kreisläufe der Natur eingreift, Ressourcen verbraucht und damit die Natur langfristig schädigt?

Frank Jirjis: Wir Menschen haben eine Daseinsberechtigung und wie jedes Wesen auf diesem Planeten bewirken wir etwas in der Natur. Die Frage ist nur, ob das zu einem selbstzerstörerischen Ungleichgewicht führt. Mutter Natur ist ja kein Schwächling und kann sich sehr wohl regenerieren. Aktuell übertreiben wir es aber.

Ob wir durch Kreislaufwirtschaft vielleicht eines Tages gar keine Rohstoffe aus der Natur entnehmen müssen, weiß ich nicht. Energiezufuhr in unser Wirtschaftssystem werden wir immer brauchen, die Hoffnung wäre, dass dies schnellstmöglich regenerativ passiert. Fläche für Wohnen, Landwirtschaft, Infrastruktur und Produktion werden wir auch immer belegen, da sehe ich keinen Ansatz, dies gänzlich zu vermeiden – wir können ja nicht schweben.

Letztlich läuft es darauf hinaus, dass wir uns über das Ausmaß des Naturverbrauches einig werden und danach handeln. Reichen uns ein paar übrig gebliebenen Nationalparks und ansonsten ist alles zersiedelt? Oder wollen wir größere Flächen intakter Natur? Reicht es, wenn wir kurz vor Ende einer Ressource immer gerade rechtzeitig eine bessere Technik finden, um diese Ressource besser auszubeuten oder eine Ersatzressource zu finden? Oder wollen wir Ressourcen übrig lassen, da wir heute noch gar nicht abschätzen können, was man damit sinnvoller machen kann?

Und genau diese Entscheidung kann nur ein demokratischer Prozess sein. Nämlich auf welchem Level wir die ökologische Balance einpendeln wollen und welche ökologischen Felder wir wie schonen wollen. Das lässt sich nicht wissenschaftlich herleiten. Aktuell können Konsumenten mit der ecodemocratic-Wahl die Prioritätenreihenfolge der neun ökologischen Felder beeinflussen und wie stark diese in die Unternehmensbewertungen einfließen. So bietet futureparty© einerseits eine Entscheidungsmöglichkeit UND auch das nötige Steuerungsinstrument, damit die getroffene Entscheidung realisiert werden kann.

M-Q: Wenn ihr Modell aufgeht und Konsum und Produktion die Waage mit der Regenerationskraft der Natur bilden, dann sprechen Sie von „futureparty.“ Sie meinen einen Grund zum Feiern. Warum?

Frank Jirjis: Das lästige schlechte Gewissen fällt weg. Das finde ich schon partymäßig. Und manche Tier-/ und Naturfilme oder erst recht Naturerlebnisse finde ich gänsehautmäßig schön – das möchte ich gerne erhalten helfen.

M-Q: Ist es denn Ihrer Meinung nach egal, was und wie viel konsumiert wird, Hauptsache die Natur bekommt genügend Zeit, um die verbrauchten Ressourcen zu regenerieren?

Frank Jirjis: Ein Konzept, das Menschen vorschreibt, was und wie sie zu leben und zu konsumieren haben, ist zu diktatorisch. Es müssen die Freiheiten des Einzelnen respektiert werden. Gleichzeitig, darf diese Freiheit nicht zu Lasten anderer. Daher bietet das Konzept jedem die Möglichkeit seinen individuellen „Spaß“ zu haben, dafür muss dann an anderer Stelle eben gebremst oder eine Alternative gefunden werden.

Da es mit der Gesamtpunktemenge eine Deckelung gibt, wird in Summe nicht zu viel ökologische Nachhaltigkeit verbraucht. Und wenn bestimmte ökologische Themen dann doch zu sehr strapaziert werden, kann per Wahl der Punktwert für diese Themen entsprechend angepasst werden und das Bewertungs- und Steuerungskonzept lenkt dann wieder wie gewünscht.

Damit die Industrie weiter wachsen und Gewinne machen kann, muss der Innovationswettbewerb um ökologischere Lösungen intensiviert werden, damit auch im ökologisch gesetzten Rahmen Wachstum möglich bleibt. Wobei ich die Geschichte vom Fischer schon immer wieder interessant finde: Er liegt am Strand und sonnt sich; ein Unternehmer kommt vorbei und skizziert, wie er sich statt dessen ein Fischfangimperium aufbauen kann – um dann am Strand liegen und sich zu sonnen zu können…

M-Q: Wie kann die Regenerationskraft der Natur gemessen werden?

Frank Jirjis: Es gibt Studien, die messen, wie schnell sich Fischbestände erholen, wie lange ein Wald zum Nachwachsen braucht, wann eine Ölpest endgültig vergessen ist. Das sind alles Einzelstudien. Eine große Betrachtung für die Regenerationskraft der Natur in Summe gibt es nicht, sondern immer nur Modelle, die sich mal spezifisch, um einzelne Themen kümmern oder mehrere Themen in eine Kennzahl umrechnen: z. B. der ökologische Fußabdruck, oder monetäre Konzepte oder eben Punkte, earthpoints® wie bei uns.

M-Q: Warum verwenden Sie dann Punkte, wenn es schon den ökologischen Fußabdruck und monetäre Bewertungskonzepte gibt?

Frank Jirjis: Als ich 1994 mit der Suche nach einem ökologischen Steuerungskonzept begann, wollte ich alle Notwendigkeiten eines ökologischen Konzeptes berücksichtigen. Einige sind:

  • Alle relevanten ökologischen Aspekte sollten berücksichtigt sein.
  • Eine obere Deckelung des Verbrauches soll möglich sein.
  • Es muss in der Aussage (egal wie kompliziert das darunterliegende Konzept ist) einfach sein.
  • Es muss alle Akteure an einem Strang ziehen lassen.
  • Natur muss als knappes Gut versteh- und handelbar werden.

Ein Brillantring ist zwar teuer, aber nicht unbedingt wichtig (natürlich je nach Betrachter/in und Ziel unterschiedlich). Und so gehen hohe oder niedrige ökologische Schad- und Vermeidungskosten ebenfalls nicht parallel mit der ökologischen Relevanz des bewerteten Themas. Da wäre die volkswirtschaftliche Kosten-/Nutzenrechnung schon besser. Insbesondere wenn auch gesellschaftliche Sichtweisen, wie relevant manche Themen sind, einfließen. Aber für beide monetären Ansätze gilt: Eine Deckelung des Nachhaltigkeitsverbrauches ist mit einem monetären pricetag nicht möglich – denn notfalls wird der höhere Preis eben bezahlt und wir sind dann doch über dem Limit. Und wenn ökologische Nachhaltigkeit mit Geld bewertet wird, lässt sich schlecht 5 Euro Nachhaltigkeit für 7 Euro weiterverkaufen. Geld schied also aus – es musste ein abstrakter Wert her, der dann einen monetären Marktwert hat.

Beim ökologischen Fußabdruck, der die Klimaproblematik und Ressourcenverbräuche in Flächenbedarf umrechnet, fehlten mir Möglichkeiten noch mehr ökologische Themen mit abzubilden. Auch die CO2 Zertifikate sind selbstredend zu einseitig. Immerhin beinhalten beide Ansätze schon die Möglichkeit der Deckelung.

So entstand die Idee mit den Punkten, wobei ein Gesamtpunktwert als Äquivalent für ökologische Nachhaltigkeit steht. Aus diesem Startpunktewert werden Klimagase mit mehr Punkten bewertet und Frischwasser in Deutschland mit weniger Punkten (wir haben keine echte Wasserknappheit). Und so ist die Regenerationskraft der Natur aggregierbar bewertet.

M-Q: Laut ihrer Aussage bedarf es für die „Party“ alle drei Akteure aus Politik, Konsumenten und Industrie. Wie sehen Sie die Gewichtung an Handlungsbedarf und Pflichten der drei?

Frank Jirjis: Am einfachsten wäre es, wenn die Politik hergeht und einfach vorgibt: Kein zusätzlicher Flächenverbrauch. Keine weitere Rodung. Fangverbot für roten Thunfisch, und so weiter. Dann hätten wir ganz schnell alles geregelt. Allerdings weiß ich nicht, ob wir für alle ökologischen Probleme so einfache Anweisungen parat haben und schon garnicht ob wir eine Politik/ Regierung wollen, die dermaßen heftige Durchgriffsmöglichkeiten hat.

Dass die Unternehmen oder Konsumenten sich solche Regeln auferlegen halte ich für nicht machbar, wo soll denn jedes Unternehmen und jeder Konsument den Gesamtüberblick herbekommen? Und woher sollen alle wissen, dass sie mit ihrer Anstrengung nicht mutterseelen allein agieren, ohne nennenswerten Effekt? Es braucht also eine konzertierte, übergreifende Aktion oder eben eine Maßeinheit mit der alle ihre Handlungen und Entscheidungen gleich bewerten.

Und damit wird aus meiner Sicht klar, dass alle Akteure ihren Teil beitragen müssen. Die Politik gibt einen Rahmen vor und Industrie und Konsumenten handeln innerhalb dieses Rahmens.

Das Gute am futureparty-Konzept ist, dass es schon heute – auch ohne politischen Rahmen – funktioniert und wirksam ist. Denn Unternehmen können damit ihre ökologischen Nachhaltigkeitserfolge gut kommunizieren und dabei im ersten Schritt ihre bestehenden Firmendaten nutzen!

M-Q: Gibt es einen Kontrollmechanismus, der die Einhaltung der notwendigen Schritte der drei Akteure überprüft oder nachvollziehbar macht?

Frank Jirjis: Naja, ein Kontrollmechanismus, der die Politik überprüft, ist ja an sich die Wahl, bei der schlechte Politik – wenn sie so einfach erkennbar ist – abgewählt werden kann.

Die eben erwähnte Kommunikation der Unternehmen bewirkt so etwas wie eine soziale Kontrolle. Denn wenn ein Unternehmen Verbesserungen seines Punktwertes ankündigt, könnte nach einiger Zeit schon nachgefragt werden, wie der Punktestand ist. Eine rechtliche Konsequenz hat eine Nichterreichung solcher Ziele aktuell nicht.

Ein Kontrollmechanismus gegenüber Unternehmen besteht seitens futureparty darin, dass wir in unseren Projekten die erhaltenen Unternehmensdaten und –prozesse auch durch Werksrundgänge etc. plausibilisieren oder stichprobenartig auch in der Tiefe prüfen.

Die Hoffnung auf längere Sicht wäre:

Die Konsumenten sehen es als selbstverständlich an, dass sich eine Aussage zur verbrauchten Natur auf den Produkten befindet – auch auf importierten Produkten.

Und die Fernvision ist, dass wir einen offiziellen Steuerungsmechanismus einrichten, bei dem z.B. der Staat die Interessen der Natur vertritt und den erwähnten Gesamtpunktwert langsam in Richtung Balance runterregelt.

M-Q: Sie sprechen auch von ecodemocratic. Was meinen Sie damit?

Frank Jirjis: Unsere Demokratie beruht auf den allgemeinen Wahlen. Wir wählen ganze Parteiprogramme. Das ist manchmal noch zu allgemein, da es immer mal speziellere Einzelprobleme zu klären gibt. Deshalb gibt es Volksentscheide für Einzelfragen. Und eine spezielle Frage ist die Verwendung des Allgemeinguts Natur, hier sollen KonsumentInnen mit der ecodemocratic-Wahl konkret mitbestimmen können.

M-Q: Sie haben in diesem Zusammenhang über die Prioritäten der ökologischen Nachhaltigkeitsfelder abstimmen lassen. Welche belegen die ersten Plätze?

Das aktuelle Wahlergebnis ist seit kurzem veröffentlicht. Klima wird als wichtigstes ökologisches Thema gesehen, gefolgt von Wasserqualität und Umgang mit chemischen Stoffen.

M-Q: Und wie geht es jetzt weiter? Wozu dienen diese Ergebnisse?

Bei ecodemocratic stimmen KonsumentInnen über die Prioritäten der ökologischen Nachhaltigkeitsfelder ab. Das Ergebnis fließt einerseits in die Punktetabelle von futureparty ein, und damit in unsere Unternehmensbewertungen. Andererseits wird das Wahlergebenis Industrie und Politik vorgelegt, mit der Aufforderung Lösungen zu nennen. Die Rückmeldungen werden wir in den nächsten Monaten haben und veröffentlichen.

M-Q: In Zusammenhang mit Ihrem futureparty©-Konzept haben Sie einen ökologischen Nachhaltigkeitsstandard entwickelt, QES 9. Wie viele Firmen und Organisationen haben bereits eine Zertifizierung nach QES 9 bzw. haben eine solche Zertifizierung beantragt?

Frank Jirjis: Wir sind noch jung. Zwei Zertifizierungen sind derzeit abgeschlossen, die wir aktuell als Referenzkunden auf unserer Seite veröffentlichen dürfen.

M-Q: Was ist Ihre persönliche Zielsetzung bei der Thematik Nachhaltigkeit? 

Frank Jirjis: Ich mag das Umweltthema endlich geklärt haben und freue mich, wenn bald ein wirklich zielführendes Konzept am Start ist. Mein persönlicher Beitrag ist nicht sensationell: Ich fahre mit dem Fahrrad in die Arbeit (11 km one way), aber ehrlich gesagt auch aus fitness Gründen. Bei der Fahrt auf den Wochenmarkt (lokale Produkte!) kneife ich schon mal gelegentlich. Ich glaube, ökologisches Handeln würde mir leichter fallen, wenn es klarere Regeln gäbe und alle mitmachen.

M-Q: Herr Jirjis, vielen Dank für das Interview!

Über Frank Jirjis, Gründer und Betreiber von futureparty©

Frank Jirjis, Gründer und Betreiber von futureparty© (Foto: privat)

Frank Jirjis, Gründer und Betreiber von futureparty© (Foto: privat)

Frank Jirjis, 43, Dipl. – Ing. (univ.), Studien des gewerblichen Rechtsschutzes und der politischen Wissenschaften; 16 Jahre Berufserfahrung als Projektingenieur, Unternehmerberater (Sanierung bis Strategie) in den Branchen Energie, Bau, Infrastruktur; Leiter von Konzernabteilungen für Vertriebssteuerung und Produktmarketing/ -management im Konsumgüterbereich.

(Grafiken: designhoheit)

Information und Kontakt:
futureparty
c/o Frank Jirjis
Königsdorfer Straße 9
D-81371 München
E-Mail: info@futureparty.net
Internet: www.futureparty.net

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