>Tierisches München< erforscht Kohlmeisen

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Immer mehr Wildtiere kommen in die Städte – und werden dort sesshaft. Doch es gibt viele Tierarten, die seit jeher in der Stadt leben, wie etwa Singvögel. Unter dem Titel „Tierisches München“ untersucht der Biologe Dr. Philipp Sprau mit einem Team von Biologen und einer großen Gruppe von Citizen Scientists die Anpassungsleistung von Kohlmeisen an ihren Lebensraum in München. Birgit Kuhn und Dr. Sofia Delgado, die Gründerinnen von muenchen-querbeet.de, haben mit ihm über sein Forschungsprojekt gesprochen.

M-Q: Haben Sie heute schon einen Blick in einen Ihrer Kohlmeisen-Nistkasten geworfen?

Philipp Sprau: In der Tat. Durch das Kamerasystem überprüfe ich derzeit an meinem Nistkasten zu Hause ob ein Vogel in dem Nistkasten schläft und wann er Abends seine Ruhephase beginnt. Zudem kontrollieren wir derzeit alle Nistkästen, um zu sehen, in welchen Nistkästen Vögel schlafen und ob es hier Muster in Bezug auf Stadtfaktoren wie Lärm, Licht, oder Temperatur gibt. Zu erwarten wäre, dass Nistkästen die beispielsweise in wärmeren Gebieten – d.h. in der Innenstadt sind – häufiger als Schlafplatz aufgesucht werden.

M-Q: Warum haben Sie sich für Kohlmeisen als Forschungsobjekt entschieden? Wäre es nicht sinnvoller, eine Vogelart zu untersuchen, deren Bestand in der Stadt gefährdet ist, wie z.B. den Haussperling?

Kohlmeise sitzt vor dem Flugloch des Nistkastens und hält Ausschau (Foto: ???)

Kohlmeise sitzt vor dem Flugloch des Nistkastens und hält Ausschau (Foto: Philipp Sprau)

Philipp Sprau: Kohlmeisen bieten sich aus mehreren Gründen als Forschungsobjekt an. Zum einen sind sie Höhlenbrüter und dadurch besteht die Möglichkeit, Nistkästen aufzuhängen und zu warten bis ein Vogel darin brütet, ohne dass man die Nester erst kompliziert suchen muss. Zum anderen sind Kohlmeisen mit die häufigsten Stadtvögel in Deutschland. Um verlässliche Aussagen über die Einflüsse von Verstädterung auf Wildtiere zu treffen, benötigt man eine ausreichend große Stichprobe. Natürlich wäre es auch interessant Untersuchungen an gefährdeten Arten, wie den Haussperlingen durchzuführen, aber die geringen Populationsgrößen würden keine klaren Aussagen zulassen. Die Ergebnisse der Kohlmeisendaten kann man aber unter Berücksichtigung der Habitatansprüche von Haussperlingen auch teilweise auf diese, sowie andere Arten anwenden. Das die Datenausbeute mit Haussperlingen als Untersuchungsobjekt in der Tat schwierig ist, zeigt das erste Jahr unseres Projekts. Theoretisch hätten Sperlingsvögel auch die Möglichkeit in den Nistkästen zu brüten, aber dies war nur bei einem Nistkasten der Fall.

M-Q: Bei Ihrem Projekt untersuchen Sie am Beispiel von Kohlmeisen (Parus major), wie sich charakteristische Faktoren von Verstädterung — z.B. Lärm, Licht und Temperatur — auf die heimische Vogelwelt auswirken. Gibt es ein Referenzprojekt auf dem Land, mit dem Sie Ihre Ergebnisse vergleichen?

Philipp Sprau: Der Grundgedanke des Projekts ist, die Auswirkungen von Stadtfaktoren auf Wildvögel entlang verschiedener Stadt-Land-Gradienten zu untersuchen. D.h. der Vergleich im Projekt findet innerhalb der Münchner Kohlmeisenpopulation statt, sodaß theoretisch kein Referenzprojekt notwendig ist. Dennoch haben wir die Möglichkeit die gesammelten Daten mit ländlichen Kohlmeisenpopulationen, die vom Max Planck Insitut für Ornithologie in Seewiesen untersucht werden, zu vergleichen. Dieser Vergleich ist auch eines der angestrebten Ziele des Projektes.

M-Q: Welche Unterschiede zur Lebensweise zwischen Kohlmeisen in der Stadt und auf dem Land sind bereits bekannt?

Philipp Sprau: Über den Unterschied zwischen Stadt- und Land-Kohlmeisen ist bislang wenig bekannt. Studien aus Holland haben gezeigt, dass sich Lärm auf den Fortpflanzungserfolg der Tiere auswirken kann und dass Licht die Aktivität der Tiere beeinträchtigt, aber Vergleiche zwischen Kohlmeisen in den zwei unterschiedlichen Habitaten sind bislang weitestgehend unbekannt. Ganz generell kann man aber sagen, dass die Unterschiede zwischen Stadt- und Land-Vögeln vielfältig sind. So wurde gezeigt, dass Stadt-Amseln weniger stressempfindlich sind, geringere Zugneigungen aufweisen und früher mausern. Andere Studien aus Amerika haben gezeigt, dass Vögel in der Stadt auch andere Verhaltensweisen zeigen als ihre Artgenossen auf dem Land. So sind Stadtvögel beispielsweise mutiger.

M-Q: Für Ihr Projekt haben Sie mit Ihrem Team im Herbst 2013 150 Nistkästen im gesamten Münchner Stadtgebiet aufgehängt. Wie haben Sie die Nistkasten-Standorte ausgewählt und wie repräsentativ für den Lebensraum Stadt sind die Standorte?

Kohlmeise am Straßenrand (Foto: Philipp Sprau)

Kohlmeise am Straßenrand (Foto: Philipp Sprau)

Philipp Sprau: In der Tat war die Suche nach geeigneten Standorten für die Nistkästen eine der größten Herausforderungen. Zur Beurteilung der Standorte habe ich Sattelitenbilder verwendet, mich auf meine Ortskenntniss verlassen und Ortsbegehungen durchgeführt, um zu schauen, ob der Standort sinnvoll ist. Als Ergebnis haben wir Standorte für die Nistkästen, die die gesamte Bandbreite an Umweltfaktoren die in der Stadt herrschen (z.B. Lärm, Licht, Temperatur, Vegetation, menschliche Aktivität) abgedeckt und auch deren Kombination. Das belegen auch die Daten unserer automatisierten Umwelt-Datenlogger, die über mehrere Tage die Umweltfaktoren an den jeweiligen Standorten erfassen.

M-Q: Lichtverschmutzung, Lärm, Abgase, kleine Lebensräume… wie viel „Stadtflair“ ertragen Kohlmeisen? Gibt es konkrete Werte, z.B. eine bestimmte Lautstärke über einen klar definierten Zeitraum, ab denen es den Tieren unmöglich ist, zu nisten und Junge aufzuziehen?

Philipp Sprau: Nein, leider sind solche Grenzwerte bislang unbekannt. Dazu kommt, dass in den Städten ja nicht nur Lärm- oder Lichtverschmutzung herrscht, sondern dass hier ein komplexes Gefüge aus unterschiedlichen Stadtfaktoren zum Tragen kommt. Das Projekt Tierisches München zielt darauf ab hier genauere Erkenntnisse zu liefern und dann eventuell auch Grenzwerte festlegen zu können, ab denen eine Brut nicht mehr möglich ist.

M-Q: Können Sie einen Umweltfaktor nennen, der Kohlmeisen am stärksten beeinträchtigt?

Frisch geschlüpfte Meisenküken in einem Nistkasten (Foto: Philipp Sprau)

Frisch geschlüpfte Meisenküken in einem Nistkasten (Foto: Philipp Sprau)

Philipp Sprau: Unsere derzeitigen Analysen zeigen, dass die Kohlmeisen am stärksten von der Vegetation abhängt. Je weniger grün der Bereich um den Nistkasten, desto unwahrscheinlicher ist dieser Nistkasten besetzt und desto schwerer haben es die Jungen zu überleben.

Kohlmeisen brauchen eine grüne Umgebung

M-Q: Gibt es in der Stadt Umweltfaktoren, die Kohlmeisen zu Gute kommen? In Städten werden – anders als in der konventionellen Landwirtschaft – keine Gifte versprüht. Deshalb fühlen sich Bienen in der Stadt sehr wohl. Gilt das auch für Kohlmeisen?

Philipp Sprau: Zu Gute kommt den Vögeln in der Stadt vor allem im Winter natürlich der Temperaturunterschied. Da es in den Städten wärmer ist, müssen die Tiere in der Stadt nicht so viel Energie aufwenden. Zum anderen gibt es in Gebieten mit Menschen auch ein erhöhtes Nahrungsangebot, speziell dann wenn natürliche Nahrung nicht mehr auffindbar ist (z.B. bei einer Schneedecke). Beim Aspekt der Umweltgifte bin ich nicht ganz überzeugt. Leider haben wir viele verendete Nestlinge in der Stadt gefunden, von denen wir annehmen, dass Umweltgifte aus Gärten für den Tod verantwortlich sind. Jungtiere, die ganz normal aufwachsen und dann innerhalb eines Tages verenden, obwohl die Eltern regelmäßig füttern könnten auf den Einsatz von Umweltgiften in privaten Gärten zurückzuführen sein.

M-Q: Vögel sind intelligente Tiere. Gehen Sie davon aus, dass Kohlmeisen die Anpassung an die Stadt von ihren Eltern lernen und sich nach und nach eine eigene Population von Stadtvögeln entwickeln wird?

Philipp Sprau: Das Vögel einige Verhaltensweisen von Ihren Eltern oder anderen Artgenossen lernen ist bekannt. Obwohl in der Stadt noch nicht untersucht, kann man jedoch davon ausgehen, dass einige Anpassungen ebenfalls erlernt wurden. Es ist auch ein wahrscheinlicher evolutive Prozess, dass wenn spezielle Verhaltensweisen in der Stadt entwickelt werden, dass über lange Zeit hinweg eigene Unterarten entstehen. Wie weit dieser Prozess bereits fortgeschritten ist, wird derzeit untersucht.

M-Q: Wenn ja, wie lange dauert es, bis sich Vögel wie Kohlmeisen an das Stadtleben anpassen und eine eigene Population bilden?

Philipp Sprau: Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Es gibt Beispiele von Mönchsgrasmücken, die innerhalb weniger Jahrzehnte ihre Zugruten verändert haben, die auch genetisch determiniert sind. In der Regel dauert ein solcher Prozeß aber sehr viel länger.

M-Q: Im Frühjahr und Sommer haben die Kohlmeisen zum ersten Mal gebrütet. Wie ist die Brutsaison in Ihren Stadt-Nistkästen verlaufen?

Kohlmeise mit Futter im Schnabel beim Anflug auf ihren Nistkasten (Foto: Adam Stenhouse)

Kohlmeise mit Futter im Schnabel beim Anflug auf ihren Nistkasten (Foto: Adam Stenhouse)

Philipp Sprau: Insgesamt muss man sagen, war es ein erfolgreiches Jahr. Immerhin haben es 251 Jungvögel geschafft, flügge zu werden. Dem Gegenüber steht jedoch auch, dass es viele Nester nicht geschafft haben. Die Herausforderungen in der Stadt scheinen sehr viel größer zu sein, als im Wald. Zu den natürlichen Feinden, wie Specht, Sperber und Co. Kommen andere Risiken, wie Fensterscheiben, Autos und andere Raubfeinde, wie beispielsweise Katzen.

M-Q: Ihr Forschungsprojekt läuft noch zwei Jahre. Was haben Sie sich für 2015 und 2016 vorgenommen?

Philipp Sprau: In den nächsten Jahren soll es primär darum gehen, zu untersuchen, ob sich die Trends, die wir bislang beobachtet haben auch verifizieren. Am Ende können wir unter umständen dann Rückschlüsse auf evolutive Mechanismen geben, die für bestimmte Verhaltensanpassungen verantwortlich sind. Gegebenenfalls können wir dann auch entsprechende Maßnahmen vorschlagen, um unsere Natur in der Stadt zu erhalten und zu schützen.

M-Q: Für „Tierisches München“ mussten Sie Interessierte gewinnen, die als Citizen Scientists einen Nistkasten betreuen. War es schwierig genügend Hobby-Ornithologen zu finden?

Philipp Sprau: Dank der tatkräftigen Unterstützung des LBV waren sehr schnell genügend Nistkastenpaten gefunden. Es sind sogar so viele, dass nicht alle am Projekt teilnehmen konnten. Dies ist sehr schade, aber da es sich um ein Projekt mit einem erheblichen technischen Aufwand handelt, ist meine zeitliche Kapazitätsgrenze leider bereits überschritten.

M-Q: Was sind die Aufgaben der Citizen Scientists? Braucht man spezielle Kenntnisse?

Nistkasten an einem Straßenbaum einer mehrspurigen Straße (Foto: Philipp Sprau)

Nistkasten an einem Straßenbaum einer mehrspurigen Straße (Foto: Philipp Sprau)

Philipp Sprau: Die Citizen Scientists werden gebeten in regelmäßigen Abständen einen Blick in den Nistkasten zu werfen und die Beobachtungen dann über ein Internetformular an uns weiterzureichen. Bei erfolgreichen Bruten kommen wir dann vorbei, um die Vögel zu beringen. Für diese Beobachtungen braucht man keinerlei spezielle Kenntnisse, bis auf die Fähigkeit eine Kohlmeise identifizieren zu können.

M-Q: Brauchen Sie noch Unterstützer, die einen Nistkasten betreuen? Wenn ja, wie und wo kann man sich bewerben?

Philipp Sprau: Leider sind alle Patenschaften vergeben. Sehr gerne würde ich noch weitere Patenschaften ermöglichen, aber auf Grund eines sehr knappen Zeitbudgets wird dies für dieses Jahr nicht mehr möglich sein. Aber man weiß ja nie, vielleicht ergibt sich nächstes Jahr die Möglichkeit.

Vielen Dank für das Interview!

Information und Kontakt:
Ludwig-Maximilians-Universität München
Dr. Philipp Sprau
Department II, Fakultät für Biologie
Grosshaderner Strasse 2
82152 Planegg

Email: p.sprau@lmu.de
Telefon: 089 2180-74 214

Internet: www.tierisches-muenchen.bio.lmu.de

Foto oben: Petri Niemela

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