Genussgemeinschaft Städter und Bauern

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Die Genussgemeinschaft Städter und Bauern bringt kleine landwirtschaftliche Betriebe aus der Region München mit Kunden in der Stadt, bevorzugt in München, zusammen. Wie genau funktioniert die Genussgemeinschaft und was sind ihre Ziele? Birgit Kuhn und Dr. Sofia Delgado haben mit Marlene Hinterwinkler, einer der Haupt-Akteurinnen in der Genussgemeinschaft Städter und Bauern, gesprochen.

M-Q: Was ist Ihr Lieblings-Lebensmittel, das Sie über die Genussgemeinschaft beziehen?
Marlene Hinterwinkler: Rohmilchbutter in Kleinstauflage, produziert aus der Milch der Murnau Werdenfelser Rinder am Leitzachtaler Ziegenhof in Fischbachau. Die kann man nur am Hof kaufen.

Rohmilchbutter am Leitzachtaler Ziegenhof in Fischbachau, aus der Milch der Murnau Werdenfelser Kühe(Foto: Marlene Hinterwinkler)

Rohmilchbutter am Leitzachtaler Ziegenhof in Fischbachau, aus der Milch der Murnau Werdenfelser Kühe (Foto: Marlene Hinterwinkler)

M-Q: Welche Art Produkte bietet die Genussgemeinschaft?
Marlene Hinterwinkler: In unseren privat organisierten Einkaufsgemeinschaften holen wir direkt in den Hofläden Milchprodukte, Wurst, Eier, Suppenhühner, Martini- und Weihnachtsgänse, Honig aus Münchner Gärten, Nudeln, Emmer und Einkorn, Fleisch vom Pinzgauer Rind und Kartoffeln. Saisonal haben wir auch Spargel von einem Bauern, der ohne Heizung, Folie und Herbizide arbeitet.

M-Q: In München gibt es die Bauernmärkte mit regionalen Produkten, es gibt die Food Assemblys, dazu kommen in vielen Supermärkten regionale Lebensmittel unter der Marke „Unser Land“. Brauchen die Münchener zur Versorgung mit Produkten aus der Region die Genussgemeinschaft?
Marlene Hinterwinkler: Nein, das brauchen sie nicht. Wir Alle kaufen zusätzlich auf Bauernmärkten und in kleinen Bio Läden ein. Trotzdem, es ist einfach was Besonderes, am Hof die Menschen und Tiere, die Jahrszeiten, die Landschaft und dann die besonders gut schmeckenden Lebensmittel abzuholen, die es in keinem Geschäft zu kaufen gibt.

M-Q: Genussgemeinschaft – das klingt nach Schlemmen und hochpreisigen Genüssen, die sich nicht jede(r) leisten kann. Wie viel kosten die Produkte verglichen mit Produkten aus dem Öko-Markt?

Gänse aus artgerechter Haltung, zu beziehen über die Genussgemeinschaft Städter und Bauern vom Biohof Hausberg, Egglham (Foto: Marlene Hinterwinkler)

Gänse aus artgerechter Haltung, zu beziehen über die Genussgemeinschaft Städter und Bauern vom Biohof Hausberg, Egglham (Foto: Marlene Hinterwinkler)

Marlene Hinterwinkler: Wir nennen es „Genuss mit Verantwortung“ nach den Prinzipien von Slow Food: gut, sauber und fair.
Dieses Credo steht auch auf unseren Fahnen. Gut vom Geschmack, ohne Konservierungsstoffe und mit einem fairen Preis für den Produzenten/Bauern. Genuss hat nichts mit hochpreisig zu tun!
Dass ein Bauer seine handgemachte Rohmilchbutter nicht zum Discounter Preis anbieten kann, ist logisch – da ist der Bio/Öko-Großhandel genauso damit gemeint. Unser Bauer muss von seiner Hände Arbeit auch leben können und seinen Mitarbeitern einen fairen Lohn bezahlen; auch das gehört dazu.
Handgemachte Qualität schmeckt man und lieber etwas weniger, gerade bei Fleischprodukten, das ist unsere Handlungsweise. Als Bündnispartner des „Aktionsbündnisses Artgerechtes München“ (www.artgerechtes-muenchen.de) legen wir größten Wert darauf, dass die Tiere auf den Höfen ein wesensgerechtes Leben führen. Das heißt aber auch, der Arbeitsaufwand für den Landwirt ist höher.

Die Genussgemeinschaft wirtschaftet nach den Prinzipien von Slow Food

M-Q: Kunde und Landwirt arbeiten eng zusammen – das ist der Grundsatz der Genussgemeinschaft. Doch nicht nur hier gilt dieses Prinzip: Es gibt immer mehr landwirtschaftliche Betriebe, die als „solidarische Landwirtschaft“ (Solawi) arbeiten. Gibt es für den Kunden einen Unterschied zwischen einer Solawi und der Genussgemeinschaft? Wenn ja, welchen?
Marlene Hinterwinkler: In einer sogenannten SoLaWi teilen sich alle Mitglieder die gesamte Ernte und bezahlen dafür einen Fixpreis pro Monat/Jahr. Sie teilen auch das Risiko, falls es witterungsbedingt oder andere Umstände eine Missernte gibt. Wir finden diese Form der Landwirtschaft großartig, da es oft auch Kleinstbetriebe sind, die damit wieder eine Chance haben, marktunabhängig fortzubestehen.
Wir haben in Neubauvorhaben auf unseren Höfen investiert. Z.B. wurde eine neue Käserei gebaut mittels Bürgerbeteiligung, weil es neue EU-Vorschriften gibt. Der Hof hätte sonst aufgeben müssen. Wir haben in einen neuen Hühnerstall mit Freiauslauf investiert und in einen Offenstall für die Rinder.

Käsetheke im Hofladen des Leitzachtaler Ziegenhofs, einem Projektpartner der Genussgemeinschaft Städter und Bauern (Foto: Marlene Hinterwinkler)

Käsetheke im Hofladen des Leitzachtaler Ziegenhofs, einem Projektpartner der Genussgemeinschaft Städter und Bauern (Foto: Marlene Hinterwinkler)

Die Genussgemeinschaft Städter und Bauern e.V. kauft monatlich 1-2x bei den befreundeten Höfen ein. Jeder kann individuell das bestellen, was er haben möchte. Es gibt keine Mindestabnahme.
Es ist keine monatliche „Kiste“, sondern individuell pro Besteller zusammengestellt. Auch wir haben solidarische Projekte/Produkte unserer Bauern im Angebot.
Zum Beispiel bezahlen die Leute die Hälfte ihrer Weihnachtsgans bereits bei Bestellung im Frühjahr, der Bauer hat Planungssicherheit und kann seine Futterkosten damit zum Teil begleichen.
Wir bestellen biologisches Olivenöl von der Insel Lesbos und bezahlen es im September für die Lieferung im Februar, damit kann der Kleinbauer Vorort schon einen Teil seiner Kosten begleichen und muss nicht in noch größere Vorleistung gehen.
Es gibt verschiedene Modelle, wie z.B. das „Milchkuh-Darlehen“, das „Schweine-Leasing“ usw. Nähere Informationen gibt es dazu auf unserer Internetseite www.genussgemeinschaft.de in der Rubrik „Investieren“.

M-Q: Wie viele landwirtschaftliche Betriebe sind derzeit Mitglied der Genussgemeinschaft?
Marlene Hinterwinkler: Wir kaufen regelmäßig bei sechs Höfen ein, mit denen wir ein jahrelanges und freundschaftliches Verhältnis pflegen.

M-Q: Die Genussgemeinschaft will kleine landwirtschaftliche Betriebe fördern. Was ist für Sie ein kleiner Betrieb? Gibt es dafür bestimmte Kriterien?
Marlene Hinterwinkler: Ein Betrieb soll in seiner Betriebsgröße die Anzahl der Tiere der Größe seiner Fläche, auf der er Futter produzieren kann, angepasst haben. D.h. womöglich kaum oder nur geringer Futterzukauf.
Unsere Bauern haben weniger als 20 Kühe zum Beispiel und lassen ihre Jungtiere den Sommer über auf der Alm. Da gibt es keine Mega-Ställe.

Die Genussgemeinschaft unterstützt kleine, traditionelle Betriebe, die biologisch wirtschaften (Foto: Marlene Hinterwinkler)

Die Genussgemeinschaft unterstützt kleine, traditionelle Betriebe, die biologisch wirtschaften (Foto: Marlene Hinterwinkler)

M-Q: Landwirtschaftliche Betriebe werden immer größer, um im Wettbewerb zu bestehen. Was passiert, wenn ein Mitglieds-Betrieb erfolgreich ist und immer weiter expandiert?
Marlene Hinterwinkler: Unsere Betriebe können aufgrund ihrer vorhandenen Flächen nicht expandieren und wollen es auch nicht. Die einzige, kleine Expansion hatten wir bei unserem Bauern in Niederbayern, der sein Wachstum aber mit anderen Höfen teilt und weiterentwickelt und somit Netzwerke zur Vermarktung zum Nutzen aller Beteiligten etabliert. Siehe dazu den heutigen BLOGbeitrag „Über Land“, Kooperieren statt Konkurrieren!

M-Q: Die Stadt-Mitglieder der Genussgemeinschaft leihen Mitglieds-Landwirten Geld. Nehmen sie auch Einfluss darauf, was und wie die Landwirte produzieren und zu welchem Preis?
Marlene Hinterwinkler: Die Städter investieren in den Hof, weil sie die Art der Landwirtschaft unterstützen wollen, die kleinzellig, biologisch arbeitet und artgerecht mit den Tieren umgeht. Finanziert werden in erster Linie Modernisierungsmaßnahmen und Maßnahmen, die der artgerechten Tierhaltung zugute kommen. Die Produkte selbst bestimmt der Landwirt, weil er die Erfahrung und das Wissen hat. Er weiß, welche Sorte Kartoffeln und welches Getreide auf seinem Boden wächst und wie die Fruchtfolge für den Acker sinnvoll ist.
Ein wenig Einfluss haben wir z.B. in unserer Käserei, da ist es möglich, mal einen Monat einen anderen Frischkäse zu produzieren. Ansonsten bestimmen das Wetter und die Natur und die Möglichkeiten unserer Landwirte, dies zu realisieren, die größte Rolle.

M-Q: Gibt es für die Genussgemeinschaft Vorbilder oder inzwischen auch Nachahmer in anderen Städten?
Marlene Hinterwinkler: Wir wertschätzen viele Initiativen und Menschen, die sich für eine gute Landwirtschaft einsetzen; Nachahmer gibt es im Kleinen in vielen Städten. Die Form und der Name spielen dabei keine Rolle. Immer mehr Menschen wollen wieder den Bezug zu guten Lebensmittel haben und das heißt auch, den Erzeuger zu kennen.

M-Q: Wie kann man als Städter der Genussgemeinschaft beitreten?
Marlene Hinterwinkler: Das geht ganz einfach. E-Mail an Marlene.Hinterwinkler@t-online.de oder auf unserer Seite der www.genussgemeinschaft.de den „Mach Mit“ Button auf der Titelseite klicken, dort sind Antragsformulare zum Runterladen. Das Projekt wird gefördert von der Landeshauptstadt München, Biostadt, Referat für Gesundheit und Umwelt. Da diese Förderung aber ausläuft, sind wir dankbar für viele Fördermitglieder. Unsere Arbeit ist ehrenamtlich. Ganz nach dem Motto „auch Kleinvieh macht Mist“ freuen wir uns über neue Mitglieder.

M-Q: Was kostet und bietet eine Mitgliedschaft in der Genussgemeinschaft für Städter?
Marlene Hinterwinkler: Fördermitglied kann man ab 20.-€ jährlich werden. Wir bieten dafür die Teilnahme an einzigartigen Veranstaltungen zu einer geringen Gebühr, Ausflüge zu den Höfen, Kurse w. z.B. Brotbacken, Buttern, Wanderung zur Alm unseres Bauern usw. an. Der größte Gewinn für jeden Einzelnen ist es, beste Lebensmittel direkt vom Erzeuger aus kleinen Strukturen zu bekommen und die kleinen Höfe in ihrem Fortbestand zu unterstützen.

Hofladen Bio-Hof Lenz in Zorneding – hier kauft die Genussgemeinschaft Städter und Bauern ein (Foto: Marlene Hinterwinkler)

Hofladen Bio-Hof Lenz in Zorneding – hier kauft die Genussgemeinschaft Städter und Bauern ein (Foto: Marlene Hinterwinkler)

M-Q: Wie kauft man als Städter-Mitglied der Genussgemeinschaft Lebensmittel ein?
Marlene Hinterwinkler: Man schreibt eine E-Mail, lässt sich erklären wie es funktioniert, man kann anrufen oder man liest sich selber auf der www.genussgemeinschaft.de in der Rubrik „Einkaufsgemeinschaften“ ein.
Dies ist aber kein einfacher Lieferservice, sondern verlangt auch persönliches Engagement. Zum Beispiel kommt jeden Monat Jemand mit zur Abholung auf den Höfen, muss dann auch mit Anpacken und bei der Verteilung und den Abholern behilflich sein.
Natürlich kann man auch selbst zu den Höfen fahren, dies mit einem Ausflug kombinieren. Wichtig und unser Wunsch ist es, dass man nachhaltig unterwegs ist und immer für Freunde und Nachbarn etwas mitbringt. Jeder sollte seine eigene kleine community aufbauen, wenn möglich.

M-Q: Mehr Kunden in der Stadt, mehr Landwirte in der Region oder mehr Auswahl bei den Lebensmitteln – was sind die Ziele der Genussgemeinschaft für die kommenden Jahre?
Marlene Hinterwinkler: Wenn sich weitere Einkaufsgemeinschaften gründen, freut uns das riesig. Wenn die community wächst, können auch neue Landwirte mitmachen. Viel mehr Auswahl an Lebensmitteln brauchen wir nicht, wir sind zufrieden mit dem, was wir bekommen können. Unser Ziel ist es in erster Linie, dass viele Menschen aktiv werden und die guten Lebensmittel wieder wertschätzen und die, die sie herstellen. Wir wollen, dass die Menschen zu Koproduzenten werden und die Biodiversität, die Vielfalt bestehen kann in einer naturschonenden Landwirtschaft. Wir wollen unser Essen nicht den Konzernen überlassen, die den Erzeuger zu Dumpingpreisen in den Ruin wirtschaften.

Vielen Dank für das Gespräch!

Genussgemeinschaft Städter und Bauern e.V.
Holzstraße 15b

80469 München

Redaktionelle Betreuung für Termine, Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungen: Marlene.Hinterwinkler@t-online.de

Internet: www.genussgemeinschaft.de/

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