Gemeinsam Boden gewinnen mit jungen Flüchtlingen

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Unter dem Titel Gemeinsam Boden gewinnen hat der LBV München ein Garten-Projekt mit jungen Flüchtlingen gestartet. Was sind die Aktivitäten des Projektes? Was seine Ziele? Wir haben mit Alexandra Baumgarten vom LBV München gesprochen.

M-Q: Gemeinsam Boden gewinnen kann man im wörtlichen wie im übertragenen Sinn verstehen. Gilt das auch für Ihr Projekt?
Alexandra Baumgarten, LBV: Ja, ganz eindeutig. Mit den Aktivitäten versuchen wir Freundschaften zu knüpfen, zwischen jungen Menschen die hier in Deutschland aufgewachsen sind und jungen Menschen die zu uns geflohen sind. Dort wo wir unsere Freunde haben, können wir uns niederlassen und Boden unter den Füßen gewinnen.
Die gemeinsamen Aktivitäten haben auch immer mit dem Boden zu tun. Gemeinsames Gärtnern – das bringt viele Menschen auf den Boden, wenn der Kopf schwirrt. Biologisch gärtnern ist dabei für uns selbstverständlich, denn wir möchten den Boden schützen.
Aber es bleibt nicht nur beim Gärtnern. Wir ernten auch Wildkräuter und Wildfrüchte, um Salben, Cremes, Säfte oder Marmelade herzustellen. Warum? Zum einen weil es die Menschen begeistert zu sehen, was wir uns aus der Natur holen können. Weil es sie freut, wenn sie wissen, was dort wächst und wie sie es verwenden können. Zum anderen auch, weil wir damit zum Bodenschutz beitragen – viele unserer Kosmetikprodukte und Konsumgüter tragen auf diverse Weise dazu bei, dass Böden ausgebeutet oder gar zerstört werden. Natürlich sprechen wir darüber und erarbeiten die Hintergründe.
Gesprochen werden soll sowieso viel. Die geflohenen jungen Menschen müssen die deutsche Sprache erlernen, um hier Boden gewinnen zu können. Und der Austausch untereinander ist sehr wichtig. Kulturaustausch, Hintergrundwissen und das Erkennen, wie unser Lebensstil mit dem anderer Kulturen, Lebensbedingungen und Ländern zusammenhängt sind enorm wichtig, um global den Boden zu schützen.
Und da geht es ja dann auch weiter. Dort wo der Boden unfruchtbar ist – z.B. aufgrund von Dürre, Überschwemmung oder Ausbeutung fehlen die Bedingungen, um ein gutes Leben führen zu können.

M-Q: Viele junge Flüchtlinge wurden durch Krieg und Gewalt aus ihren Heimatländern vertrieben, z.B. aus Syrien. Viele von ihnen kommen aus Städten. Haben diese Flüchtlinge überhaupt einen näheren Bezug zum Thema Boden und Natur?
Alexandra Baumgarten, LBV: Das ist so unterschiedlich, wie bei allen jungen Menschen. Aber wir sind ja nicht nur mit „Natur“ in Berührung. Wir gärtnern ja viel. Dann freuen sich die jungen Menschen, wenn sie Kräuter oder Gemüse anbauen und essen können, die sie auch von ihrer Heimat kennen. Gemeinsamkeiten werden deutlich, ein Austausch findet statt. Die in Deutschland geborenen TeilnehmerInnen erkennen, was wir alles aus damals „fernen Ländern“ übernommen haben.
Die Jungs, die erstmal nicht mitgegärtnert haben, die kommen dann zwischendurch, zum Ratschen oder von unserem Lagerfeuergericht zu naschen.
Ja … und Boden. Boden ist weltweit ein Thema.  Und dennoch denken die Menschen im Alltag nicht über den Boden nach. Und genau an dieser Stelle wollen wir ja mit dem Projekt wirken. Wir wollen ein Bewusstsein darüber schaffen, dass der Boden mehr ist, als eine Fläche, auf der wir laufen, bauen und fahren.

M-Q: Gemeinsam Boden gewinnen erstreckt sich über ein ganzes Jahr. Welche Aktivitäten haben Sie mit den jungen Flüchtlingen bereits unternommen?
Alexandra Baumgarten, LBV: Nach der Auftaktveranstaltung, die einen Überblick über die diversen Aktionsmöglichkeiten verschaffen sollte und die Wünsche und Ideen der TeilnehmerInnen aufnehmen konnte, begannen zur Vegetationsperiode die Gärtneraktivitäten. Wir haben gepflanzt, ausgesät und gebuddelt. Um Ressourcen zu sparen, bauten wir Upcycling-Beete. Jedes gemeinsame Treffen beinhaltet auch eine kleine Kochaktion – nach Möglichkeit am Lagerfeuer – einfach weil es schön ist, gemeinsam am Feuer zu sitzen und zu kochen.

Gemeinsam Boden gewinnen richtet sich an junge Menschen mit und ohne Migrationshintergrund

M-Q: Welche Programmpunkte stehen für die nächsten Monate fest?
Alexandra Baumgarten, LBV: Wir werden weiterhin unsere Pflanzungen pflegen, ernten und verwenden. Die Jungs aus einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Geflohene wünschten sich, dass wir Salben für Muskelkater erstellen, ein Mittel gegen juckende Mückenstiche und Geschenkseifen mit hübschen Blüten im Inneren.
Zudem gibt es noch zwei Philosophie-Treffen zum Thema Flucht. Denn nicht nur die Menschen, die nun zu uns kommen, sind geflüchtet. Auch wir flüchten – vor allem Möglichen. Mit diesen Treffen wollen wir das Thema Flucht, das derzeit nur in eine Richtung gedacht wird, mal aus anderen Ecken heraus betrachten.

M-Q: Stichwort „gemeinsam“: Wer kann bei Gemeinsam Boden gewinnen mitmachen – nur junge Flüchtlinge oder auch junge Menschen, die hier beheimatet sind?
Alexandra Baumgarten, LBV: Auf jeden Fall können, sollen sogar, junge Menschen die hier beheimatet sind, mitmachen. Es geht ja in dem Projekt um mehr, als „nur“ darum, dass die Geflüchteten Boden unter den Füßen gewinnen. Es geht um Freundschaften, es geht um ein Verständnis, wie wichtig der Boden ist, es geht darum, zu verstehen, dass all unser Wirken und Handeln Auswirkungen hat und jeder immerzu an der Gestaltung der Zukunft beteiligt ist.

Junge Flüchtlinge beschriften Schilder für den Garten (Foto: Alexandra Baumgarten, LBV München)

Junge Flüchtlinge beschriften Schilder für den Garten (Foto: Alexandra Baumgarten, LBV München)

M-Q: Der Klimawandel macht Böden unfruchtbar; Menschen fliehen, weil die Erträge zurückgehen oder ganz ausbleiben. Haben junge Flüchtlinge, die aus ländlichen Regionen geflohen sind, aufgrund dieser Erfahrungen in ihrer Heimat überhaupt Interesse an Gartenbau und Landwirtschaft?
Alexandra Baumgarten, LBV: Das haben sie natürlich nicht zwingend – aber einigen scheint es zu gefallen. Es ist ja auch eine freiwillige Aktion. Und da die Jungs aus der Unterkunft auch zum wiederholten Male kommen, scheint es ihnen zu gefallen. Wir werden nie alle Jugendlichen erreichen, wir werden nicht alle Interessen zufrieden stellen können. Wir sind ein Naturschutzverband und können am besten Themen aus Natur und Umwelt behandeln. Es wäre ja komisch, wir würden ein Projekt anbieten, das mit den jungen Menschen Musik-Video-Workshops umsetzt. Das können andere Verbände, Institutionen etc. ins Leben rufen, die sich damit besser auskennen.

M-Q: Der Bayerische Landwirtschaftsminister Helmut Brunner will Asylbewerbern mit Bleibeperspektive hat eine Infokampagne für „Grüne Berufe“ wie Gärtner oder Landwirt gestartet. Junge Menschen für „Grüne Berufe“ begeistern – ist das auch eines der Ziele Ihres Projektes?
Alexandra Baumgarten, LBV: Es ist schön, wenn sich junge Menschen für „grüne Berufe“ entscheiden. Aber es ist nicht das Projektziel. Wichtiger ist es uns, dass die Menschen lernen, über ihr Handeln nachzudenken, zu reflektieren, zu hinterfragen.

M-Q: Eine UN-Studie von 2009 geht davon aus, dass bis zum Jahr 2050 rund 200 Millionen Menschen in Folge des Klimawandels auf der Flucht sind. Gibt es vor diesem Hintergrund eine Fortsetzung des Projektes Gemeinsam Boden gewinnen?
Alexandra Baumgarten, LBV: 
Die Ziele der nachhaltigen Entwicklung der UN sollen einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene dienen. Da sich die Entwicklungen nicht von heute auf morgen ändern lassen, werden sicherlich noch viele weitere Projekte, Programme und Aktionen ins Leben gerufen. Denn dass wir einige Veränderungen anstehen haben, das wissen wir schon lange. Jetzt kommt es drauf an, sie so zu gestalten, dass alle Menschen heute, in Zukunft und weltweit ein gutes Leben führen können. Mit unseren Projekten möchten wir die Menschen begleiten, an einer zukunftsfähigen Entwicklung mitzuwirken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Alexandra Baumgarten, LBV: Dafür danke ich Ihnen.

Hinweis: Das Projekt Gemeinsam Boden gewinnen wird vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz gefördert.

Kontakt:
Alexandra Baumgarten
Telefon: 089 200 270 82
a-baumgarten(at)lbv.de

Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) e. V.
Kreisgruppe München
Klenzestr. 37
80469 München

Telefon: 089-2002706
e-mail: info(at)lbv-muenchen.de

www.lbv-muenchen.de

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