Essbare Wildpflanzen zurück auf die Teller

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Was haben Brennnessel, Giersch und Löwenzahn gemeinsam? Sie werden oft zu Unrecht als Unkraut bezeichnet. Für die diplomierte Sozialwissenschaftlerin Birgit Brinkmann sind es essbare Wildpflanzen, die sie zu köstlichen Gerichten verarbeitet und über die sie in Workshops und Vorträgen referiert. Ihr Ziel ist es, eine Ernährungswende in der Gesellschaft zu initiieren. Wir sprachen mit ihr über ihr Engagement rund um essbare Wildpflanzen.

M-Q: Was gab es heute an wilden Kräutern bei dir zu essen?

Essbare Wildpflanzen auf dem Teller: Käsehappen und Erbsenmoussebrote (Foto: Birgit Brinkmann)

Essbare Wildpflanzen auf dem Teller: Käsehappen und Erbsenmoussebrote (Foto: Birgit Brinkmann)

Brinkmann: Heute gab es Giersch! Die kleingeschnittenen Stängel, die ähnlich wie eine Mischung aus Möhre und Sellerie schmecken, wurden gemeinsam mit feingeschnittenem Apfel, Möhre, Haselnüssen und etwas Joghurt zur Vorspeise. Die nach Petersilie schmeckenden Sommerblätter wurden im Mörser mit Knoblauch und Meersalz zerstampft und für den Wintervorrat in ein Glas gefüllt. Etwas davon diente direkt als Gewürz für das Auberginengemüse, das es zu Backkartoffeln gab.

M-Q: Du bist diplomierte Sozialwissenschaftlerin. Wo hast du dir dein Wissen über essbare Wildpflanzen angeeignet?

Brinkmann: Nicht im Studium ;). Ich habe mich schon als Kind gewundert, wo das Essen eigentlich herkommt. Bis zu meinem 5. Lebensjahr wohnten wir in einer Mietwohnung in Hannover, dort gab es nur kurzgeschorene Rasenflächen, auf denen man nicht spielen durfte. An Tieren sah man höchstens mal Ameisen oder Schmeißfliegen an den Mülltonnen. Als wir dann aufs Land zogen, lernte ich von den anderen Kindern, dass man essbares auf Wiesen und im Wald finden konnte: Sauerampfer, süße Taubnesselblüten, Himbeeren, Bucheckern… . Ich war plötzlich im Paradies!

Danach habe ich jede Gelegenheit genutzt mehr über essbare Wildpflanzen zu erfahren, in der Literatur, bei Wanderungen und gemeinsam mit meiner Freundin, einer promovierten Botanikerin.

M-Q: Wann hast du damit begonnen, essbare Wildpflanzen in deine Ernährung zu integrieren?

Essbare Wildpflanzen: Latte Löwenzahn Schokolade (Foto: Birgit Brinkmann)

Essbare Wildpflanzen: Latte Löwenzahn Schokolade (Foto: Birgit Brinkmann)

Brinkmann: Als ich 5 war. Richtig angefangen, damit zu kochen habe ich erst viel später, eigentlich erst nach meiner Diplomarbeit über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft essbarer Wildpflanzen, als ich plante, die ersten Veranstaltungen dazu anzubieten.

M-Q: Du experimentierst kulinarisch mit Wildkräutern, es geht um essbare Wildpflanzen. Woher stammen sie ?

Brinkmann: Die Pflanzen stammen zum größten Teil aus meinem wilden Garten. Bucheckern, Hagebutten und ähnliches sammle ich bei Spaziergängen in der Natur. Ich komme selten nach Hause ohne eine Handvoll Nahrhaftes oder Schönes. Das gibt mir ein ganz besonderes Glücksgefühl.

Essbare Wildpflanzen sind ein wichtiger Bestandteil unserer Ernährung

M-Q: Warum sollten wir deiner Meinung nach mehr essbare Wildpflanzen in unsere Ernährung integrieren?

Brinkmann: Alles, was von selbst in der Natur wächst, benötigt weder chemischen Dünger, noch (Gewächshaus-) Energie, noch Pflanzenschutzmittel. Man kann sich die schönsten Blüten und Blätter aussuchen und über den Rest freuen sich Insekten und andere Lebewesen. Witzigerweise sorgt auch eine regelmäßige Ernte dafür, dass die Pflanzen oft wieder neu austreiben, Nigel Dunnett von der Universität Sheffield hat in diesem Zusammenhang den Begriff “positiver Vandalismus“ geprägt. Er bezog sich dabei auf das Blumenpflücken auf städtischen Blumenwiesen.

Der größte Teil der Bevölkerung ernährt sich vor allem Kohlenhydratreich. „Unser täglich Brot gib uns heute“ dieser Wunsch prägt die westliche Zivilisation schon seit Jahrtausenden, unter anderem weil die Brotherstellung Wissen und Fertigkeiten voraussetzt, die nur ein Mensch bewerkstelligen kann. Brot war deshalb das Symbol für die besondere Stellung des Menschen. Stärkereiche Speicherorgane wie Getreide oder Rüben lassen sich zudem gut lagern. Menschen lieben Stärke, denn sie wird beim Kauen in Zucker aufgespalten und süß ist ja schon unsere erste Nahrung, die Muttermilch. An alle anderen Geschmacksrichtungen müssen wir uns erst gewöhnen. Früher gehörten essbare Wildpflanzen ganz natürlicherweise zur Ernährung dazu, bzw. waren die Grundlage. Durch Ackerbau und Viehzucht wurden sie immer weiter aus unserem Leben herausgedrängt. Dadurch fehlen uns wichtige pflanzliche Inhaltstoffe. Die Folgen unserer heutigen Mangelernährung finden wir als Medikamentenbelastung im Trinkwasser wieder. Außerdem bewegen wir uns heute viel zu selten in der Natur. Ein bisschen Gymnastik beim Bücken und Strecken kann auch nicht schaden.

Essbare Wildpflanzen, kombiniert mit Käse: Ziegenrolle mit Glockenblume (Foto: Birgit Brinkmann)

Essbare Wildpflanzen, kombiniert mit Käse: Ziegenrolle mit Glockenblume (Foto: Birgit Brinkmann)

M-Q: Wenn einer keinen Garten hat, eignen sich deiner Meinung nach auch wildwachsende essbare Wildpflanzen aus der Natur oder sollte man eher vorsichtig sein?

Brinkmann: Die Luft und der Boden sind weltweit mit Emissionen belastet, auch die Gärten oder der Bioanbau sind davor nicht sicher. Dringend meiden sollte man viel befahrene Straßenränder und Ackerränder mit monotoner Begleitvegetation und natürlich Pflanzen direkt neben einem Hundehaufen.

Apropos Hund: Die Eier des Fuchsbandwurms, der von vielen als Gegenargument für das Sammeln in der Natur angeführt wird, sind mikroskopisch klein. Die Eier werden daher meist vom Wind verbreitet und oft eingeatmet. Man kann sich also auch beim Joggen infizieren. Diese Form der Infektion ist äußerst selten und betrifft vorwiegend Arbeitende in der Land- und Forstwirtschaft, 70 Prozent der Infizierten sind zudem Hunde- oder Katzenbesitzer, deren Tiere dem Fuchsbandwurm als Wirt dienen und die dieser Gefahr daher extrem ausgeliefert sind. Neue Untersuchungen zeigen, dass ein gesunder Körper auch diesen Eindringling abwehren kann. Ein Grund mehr Wildpflanzen zu konsumieren, denn nicht nur die wertvollen Inhaltstoffe in den Pflanzen, auch die Mikroorganismen auf den Pflanzen stärken unser Immunsystem. Wer Fuchsbandtechnisch ganz sicher gehen will, sollte alles auf über 80 °C erhitzen.

M-Q: Die Brennnesselpflanze hat es dir besonders angetan. Was zeichnet sie aus?

Brinkmann: Die Brennnessel, Urtica dioica, ist besonders eiweißreich, enthält viel Vitamin C, Provitamin A, Vitamin E, B und K. Sie bietet einiges an Mineralstoffen und Spurenelementen, wie z.B. Kalzium, Magnesium, Kalium, Eisen, Phosphor, Bor und Silizium. Außerdem natürlich die oft vergessenen sekundären Pflanzenstoffe wie Chlorophyll und Carotin und schließlich ungesättigte Fettsäuren. Die Vielfalt ihrer gesundheitlichen Wirkungen ist legendär. Ganz allgemein stärkt sie besonders das körpereigene Abwehrsystem und trägt dadurch ganz wesentlich zu mehr Gesundheit bei.

Für die Landwirtschaft könnte sie in Zukunft interessant werden, da sie als mehrjährige Pflanze der Erosion entgegenwirkt und als Blattpflanze regelmäßig beerntet von April bis zum ersten Frost Erträge liefert. Außerdem könnte sie durch ihre Schattenverträglichkeit Grundlage einer neuen Kulturlandschaft werden, in der auch Bäume und früchtetragende Begleitsträucher ihren Platz haben können.

Das tolle an Brennnesseln ist, das man sie dank ihres neutralen Geschmacks praktisch überall ins Essen „einbauen“ kann. Es gibt sogar Kuchenrezepte für frische Brennnesselblätter. Ich liebe besonders würziges Brennnesselgemüse, das wie Spinat zubereitet wird.

Birgit Brinkmann

Lachs im Lindenblatt

Ganz besonders interessant sind die Samen, die man, wie natürlich auch die Blätter, das ganze Jahr über als Trockenvorrat zur Verfügung haben kann. Im Mittelalter gab es ein Brennnesselsamenverzehrverbot für Mönche, weil sie als Aphrodisiakum galten. Das tun sie übrigens auch heute.

M-Q: Wie reagieren die Menschen, die zum ersten Mal bei dir Wildkräuter probieren?

Brinkmann: Positiv überrascht! Die meisten sind begeistert und wollen selbst aktiv werden! Und Alle möchten sehr gerne zukünftig fertige Produkte mit essbaren Wildpflanzen essen!

M-Q: Du gibst dein Wissen über essbare Wildpflanzen in unterschiedlicher Form weiter. Was genau bietest du an?

Brinkmann: Einiges über mein Ernährungswissen und meine Aktivitäten kann man auf meiner Homepage unter www.kann-man-essen.de nachlesen. Die Möglichkeiten meines Angebots sind noch nicht ausgeschöpft. Bisher reichte das Angebot von schön bebilderten Vorträgen über unterrichtsbegleitende Schulbesuche, Teilnahmen an öffentlichen und privaten Events, verschiedene Workshops, gemeinsame Kochevents, Exkursionen mit und ohne Picknicks.

Außerdem arbeite ich seit 2012 mit dem Musiker Klaus Falkenberg zusammen. Ich schreibe inzwischen Musiktexte und singe, und er komponiert und spielt die Musik dazu. Leider ist er letztes Jahr in die Nähe von Münster gezogen, so dass die Zusammenarbeit sehr erschwert wird, aber wir haben schon einige Musikstücke auf Youtube veröffentlicht und ein Hörbuch zum Thema Ernährungswende fertig gestellt. Einen Trailer dazu kann man schon anhören.

Birgit Brinkmann

Käsekrustenbrennie

Momentan bin ich dabei zwei Projekte anzuschieben, wobei die beiden Projekte auch irgendwie ineinanderfließen. Eins speziell zur Brennnessel, dazu habe ich bereits unter dem Titel „Eine Lobby für die Brennnessel“ eine Facebook-Gruppe gegründet und für alle, die nicht bei Facebook sind, parallel dazu einen Blog begonnen. Und das Zweite soll ein generations- und wirtschaftsübergreifendes Projekt ganz allgemein zum Thema essbare Wildpflanzen werden, basierend auf Kooperationen mit Schulen, Seniorenheimen, Unternehmern und Menschen, wie du und ich. Die ersten Interessenten sind schon gefunden und die ersten Aktivitäten haben auch bereits begonnen.

M-Q: Du möchtest gerne den Nutzen, den essbare Wildpflanzen bieten, in der Öffentlichkeit bekannter machen. Hast du momentan ein besonderes Anliegen?

Brinkmann: Ja, dass jemand bei der Verbreitung unseres Hörbuches hilft :)))

Die Verlage sind ja momentan etwas in wirtschaftlichen Nöten, so dass unsere erste Verbreitungsidee, die CDs als (weihnachtliches) Give away zu passenden Zeitschriften leider bisher keine Interessenten fand…

Außerdem suche ich noch Partner für ein schön bebildertes Buch …

Ganz allgemein hätte ich natürlich den Wunsch, dass die großen Lebensmittelhersteller im Rahmen der Corporate Social Responsibility endlich anfangen mehr Produkte mit essbaren Wildpflanzen zu entwickeln, herzustellen, zu bewerben und somit zur Aufklärung über wirklich gesunde und nachhaltige Lebensmittelproduktion beizutragen.

Vielen Dank für das Interview!

Danke auch vielmals!

Kurzbiografie Birgit Brinkmann

Birgit Brinkmann

Birgit Brinkmann

Birgit Brinkmann (Baujahr 1962) wuchs nach 5 Jahren als Stadtkind in Hannover wild und frei in Bordenau auf. Sie begann ihre berufliche Laufbahn mit einem Lehramtsstudium in Hannover, an das sich aufgrund der damaligen desolaten Arbeitsplatzsituation für Lehrer eine hotelfachliche Ausbildung in Garmisch-Partenkirchen anschloss. Nach einigen Jahren Tätigkeit im Hotel beschloss sie erneut ein Studium in Hannover zu beginnen, diesmal das der Sozialwissenschaften. Nach dem Vordiplom folgte zunächst die Schwangerschaft, Heirat und der Umzug von der Stadt Hannover aufs geliebte Land ins unbekannte Deckbergen mit einer sehr glücklichen und ausgedehnten Familienphase … und sehr wenigen Seminarscheinen. Nach einigen Jahren der Auszeit vom Studium kehrte sie erst 2006 wieder an die Uni zurück um im Herbst 2009 erfolgreich als Diplomsozialwissenschaftlerin abzuschließen. Was dann geschah, kann man auf www.kann-man-essen.de verfolgen.

Kontakt:

Birgit Brinkmann
Telefon: 05152-4606
Mobil: 0157 3875 6965
E-Mail: info@kann-man-essen.de
Web: http://kann-man-essen.de

©Fotos: Birgit Brinkmann

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